SUBURRA

Zitat entfällt.

Suburra ~ I/F 2015
Directed By: Stefano Sollima

Der multimillionenschwere Plan des alternden Mafiachefs Samurai (Claudio Amendola), die unterschiedlichen römischen Clans in ruhiger Gelassenheit zu vereinen und mit deren allseitiger Unterstützung, respektive der korrupter Lokalpolitiker ein gigantisches Spielerparadies bei Ostia zu errichten, erlebt sein großes Scheitern. Allzu viele Ungelegenheiten und hitzköpfige Nachwuchsgangster sorgen stattdessen für ein großes Blutbad, an dessen Ende nichts mehr wartet denn die Hölle selbst.

Vin „Sieben Tage(n) bis zur Apokalypse“ kündet „Suburra“ vom Sohnemann des dritten großen Sergio des italienischen Kinos, Sollima nämlich. Sieben Tage, die der ausufernden Geschichte zudem einen formschönen Rahmen verabreichen, in dem er sich fast zweieinhalb Stunden bequemer Erzählzeit nimmt für die sorgfältige Charakterisierung diverser inhaltlich Beteiligter, was wiederum ein umfassendes Ensemble-Fresko ermöglicht. In jenem finden von dem versauten, drogenkonsumierenden Parlamentarier (Filippo Malgradi), über die angsterfüllte Hure (Giulia Gorietti), den erschütterten Kardinal (Jean-Hugues Anglade), den unschuldig hineingezogenen Schuldnersohn (Elio Germano) und den asozialen, cholerischen Patriarchen einer Zigeunerfamilie (Adamo Dionisi) bis hin zu dem von Drogen und neuem Gangsterchic korrumpierten Mafioso-Erben (Alessandro Borghi) eine Vielzahl von Protagonisten Raum, deren Schicksale durch ein komplex entworfenes Beziehungsgeflecht allesamt miteinander verwoben sind. Allianzen und Konfrontationen, vor allem jedoch das sich bis zum großen, finalen Rundumschlag zuspitzende Spannungsfeld der unterschiedlichen aufeinander prallenden Motivlagen ergibt ein drahtiges Gangsterepos, das seinen klassischen Vorbildern mühelos das Wasser reichen kann. Ganz schön auch, dass Sollima sich mit der dramaturgisch eigentlich naheliegenden, rein moralisch betrachtet jedoch ungerechten Vergabe von Sympathieboni für die eine oder andere Figur zurückhält – irgendwann stellt jede/r der Involvierten im Kampf ums persönliche Überleben oder aus schierer Angst heraus höchst unangenehme Eigenschaften vor. Es wird allerseits gelogen, bestochen, verraten, erpresst, hintergangen, gekidnappt, gefoltert, gemordet, was das Zeug hält. Keine Spur mehr von den altehrwürdigen Ehrenkodexen von Camorra und Cosa Nostra. Heuer regieren nur mehr die Stärke des Kokains und der zuckende Finger am Abzug. Dass Stefano Sollima justament damit beschäftigt ist, „Soldado“, die Fortsetzung zu „Sicario“, fertigzustellen, erscheint angesichts der Qualitäten von „Suburra“ als ebenso folgerichtige wie hocherfreuliche Fügung.

8/10

THE DEVIL’S CANDY

„He’s no mask in a Halloween store, he’s not what you see in the movies.“

The Devil’s Candy ~ USA 2015
Directed By: Sean Byrne

Die dreiköpfige Familie Hellman, Vater Jesse (Ethan Embry), Mutter Astrid (Shiri Appleby) und Tochter Zooey (Kiara Glasco), erwirbt ein günstiges Haus in der texanischen Provinz nebst großzügigem Hallenanbau, in dem Jesse, Metal-Fan und Maler, sein neues Atelier einrichtet. Der zuständige Makler (Craig Nigh) verschleiert die zuvor dort stattgefundenen Vorkommnisse, die den geisteskranken Ray Smilie (Pruitt Taylor Vince) umwabern. Jener hatte in diesem Haus gewohnt, ist nun gezwungen, in einem Motel abzusteigen und macht sich schon bald bei den Hellmans bemerkbar. Während Zooey dem merkwürdigen, dicken Mann zunächst noch offen gegenübersteht, ist er ihren Eltern sogleich unheimlich. Dieser Verdacht erweist sich als berechtigt: Smilie ist ein Serienkiller, der sich von Satan persönlich beauftragt wähnt, sein blutiges Werk zu verrichten. Jesse gestaltet in tranceartigen Zuständen derweil zunächst ein umgedrehtes Kreuz und dann ein riesiges Gemälde, das neben anderen schreienden Kindern in einer Art Höllenfeuer auch Zooey zeigt und mit dem er das Interesse des Galeristen Leonard (Tony Amendola) weckt. Nachdem Smilie kurz darauf Zooey entführt und beinahe ermordet, bevor sie in letzter Sekunde entkommen kann, schalten die Hellmans die Polizei ein, was sich angesichts des mittlerweile rasenden Smilie als wenig hilfreich erweist…

Nach James Mangolds „Identity“ sehen wir in „The Devil’s Candy“ Pruitt Taylor Vince abermals als geistesgestörten Serienkiller, hinter dessen bärig-freundlich erscheinendem Äußeren sich die Bestie verbirgt. Die Interpretation, ob sich hinter den seltsamen Geschehnissen, darunter eben Smilies Psychose, die ihn Befehle zu hören wähnt, Jesses „prophetische“ Malerei oder sein Treffen mit dem höchst mysteriösen Mäzen Leonard, dessen Galerie nebenbei „Belial“ heißt, tatsächlich übernatürliche, sprich: satanische Zusammenhänge verbergen, überlässt Autorregisseur Sean Byrne dem Zuschauer. Zumindest einzelne, bestimmte Faktoren legen einen solchen Schluss nahe. Jedoch bezieht „The Devil’s Candy“ gerade aus diesen vagen, in der Schwebe belassenen Andeutungen einen Großteil seines spezifischen Reizes. Daran, dass Byrne ganz nebenbei auch und wenn nicht gar primär einen Film für sich selbst als fanboy gemacht hat, lässt er wenig Zweifel: Jesses und Zooeys Affinität zu harter Musik, die sich in entsprechendem Styling von Vater und Tochter, der nicht unwichtigen Nebenrolle einer Gibson Flying V und diversen Einspielern passender Bands (u.a. Metallica, Sunn O))), Slayer, Pantera) äußert, ist ganz bestimmt auch Byrne zuzuschreiben.
Passend zu diesem durchaus sympathisch konnotierten Offenbarungseid bleibt „The Devil’s Candy“ als recht erfreulicher, kleiner, aber sauberer und keinesfalls unintelligenter Genrevertreter im Gedächtnis haften, der seine Chance verdient.

7/10

WE ARE STILL HERE

„We’ll fix it.“

We Are Still Here ~ USA 2015
Directed By: Ted Geoghegan

Massachusetts, Winter 1979: Um den Unfalltod ihres Sohnes Bobby zu verwinden, zieht das Ehepaar Sacchetti, Anne (Barbara Crampton) und Paul (Andrew Sensenig), aufs Land. Gleich beim Einzug meint die sensible Anne, Signale von Bobby aus dem Jenseits zu erhalten. Ein Besuch der Nachbarn McCabe (Monte Markham, Connie Neer), im Zuge dessen die Sacchettis von der eher beunruhigenden Historie ihres neuen Eigenheims erfahren, wirkt sich indes ebenso verwirrend auf sie aus wie der trotz der niedrigen Temperaturen stark aufgeheizte Keller, in dem sich ein nach dem Rechten sehender Elektriker (Marvin Patterson) schwer verbrennt. Als mit den Lewis‘ (Lisa Marie, Larry Fessenden) ein befreundetes Ehepaar mit spirituellen Fähigkeiten zu Besuch kommt, bricht die Hölle los…

Ted Geoghans Debütfilm erweist sich als stark nostalgisch gefärbtes Genreschmankerl mit Geistern, Fluch und Splatter, an dem das Meiste stimmt. Geoghan hat seine Arbeit insbesondere als Reminiszenz an die Spätsiebziger- und Frühachtziger-Ära angelegt. Für die Fotografie wählte er eine sehr authentisch stimmende, blasse Farbgebung und sanfte Weichzeichneroptik, der Kernplot um eine einst von argwöhnischen Kleinstadtbewohnern gelynchte Familie, die seither im Drei-Dekaden-Rhythmus nach dem Blut einer Familie verlangt, um dann wieder besänftigt ins Zwischenreich zurückzukehren, erinnert ebenfalls an viele der Grusel- und Haunted-House-Filme jener Tage. Das Fluch-, Schuld- und Rachethema verfehlt gerade weil es so gut abgehangen ist und nicht in jedem zweiten der mittlerweile ja wieder zunehmend invasiv auftretenden Dämonenstücke bemüht wird, nicht an vertrauter Wirkung. Allerdings äußern sich die Attacken der Dagmars, so der Familienname der einstmals verbrannten Unglückseligen, nicht durch Spuk und Besessenheit – sie manifestieren sich vielmehr als verkohlte, funkensprühende Zombies, die ihre Opfer mittels gewaltiger Körperkraft auseinanderreißen, zerquetschen oder zerfetzen, was den Effektmeistern hinreichend Anlässe für kernige Sauereien verschafft und den alten gorehound in unsereinem juchzen lässt. Mit Barbara Crampton, Lisa Marie und der gegenwärtig trotz seines Alters wieder viel beschäftigte Monte Markham stand Geoghan dazu noch sympathische Traditionsprominenz zur Seite, mit denen das Wiedersehen einfach Freude bereitet.
Prima!

8/10

HIGH-RISE

„I don’t work for you, I work for the building!“

High-Rise ~ UK/BE 2015
Directed By: Ben Wheatley

Robert Laing (Tom Hiddleston), Arzt von Beruf, zieht in einen von dem exzentrischen Stararchitekten Anthony Royal (Jeremy Irons) erbauten Hochhauskomplex in der Londoner Hafengegend. Während um ihn herum noch weitere von den massigen Gebäude-Ungetümen entstehen, lernt Laing einige seiner Mitbewohner kennen. In dem seinen Mietern jedwede Art von Komfort bietenden und auf völlige Autarkie hin ausgerichteten Haus gibt es eine strenge hierarchische Ordnung: In den unteren Etagen wohnen gewöhnliche Angestellte mit mehrköpfigen Familien, in den mittleren Alleinstehende und Ehepaare mit höherem sozialen Status wie Laing selbst und in den oberen Prominente und Snobs, die sich gern bei exaltierten Exklusiv-Partys amüsieren. Die luxuriöse Dachetage ist Royal selbst vorbehalten. Als es Probleme mit der Müllentsorgung gibt und zu Stromausfällen kommt, beginnen sich die Fronten zu verhärten und es kommt zu gewalttätigen Übergriffen unter den einzelnen Etagen, die schließlich in offener Anarchie kulminieren.

Diese scharfe, auf einem Roman von J.G. Ballard basierende Sozialsatire weist trotz ihres dystopischen Charakters klare Gegenwartsbezüge auf: Um die Mitte der siebziger Jahre, der Erstveröffentlichungszeit von Ballards grotesker Allegorie, bildete sich in diversen europäischen Metropolen die postmoderene Tendenz, nach architektonischer Höhe zu streben. Die grassierende Angst vor zunehmender Bevölkerungsexplosion veranlassten Stararchitekten wie Hans Schwippert und Le Corbusier zu funktionalistischem Umdenken; möglichst viele Wohneinheiten auf möglichst wenig Raum waren plötzlich Trumpf und Chic, freilich nicht ohne den Bewohnern die nachhaltige Illusion von Exklusivität und Luxus zu verleihen, um vor allem wohlhabende Mieter und Käufer anzulocken. Ballard spitzte dieses Konzept zu, indem er sein Gebäude als Spiegel der urbanen sozialen Klassen und darüber hinaus noch als Symbol für freudsche Metapsychologie formulierte, das man im „besten“ Fall überhaupt nicht mehr zu verlassen brauchte. Immerhin bietet das Hochhaus nicht nur Wohnkomfort, sondern auch Einkaufsmöglichkeiten sowie etliche Optionen zu Freizeitgestaltung und Sport. Über allem thront der Ersinner des an sich utopisch-idealistisch gemeinten Sozialexperiments wie sein höchsteigener Autokrat wider Willen: Anthony Royal, dessen frustrierte Gattin (Keely Hawes) gern mit ihrem Pferd durch den Penthouse-Park galoppiert. Dass die explosive Grundstimmung – die in der Tiefe lebenden Familien leiden mehr und mehr unter Müllbergen, Netzstörungen und vor allem Frust gegenüber der Champagner saufenden, moralentfesselten Dekadenz diverse Etagen über ihnen – sich bald entlädt, ist da keine minder erwartbare, historisch vorbelastete Reaktion.
Ich musste in Anbetracht dieses auch formal vollendeten Fait-accompli (das tatsächlich den offensichtlichen Fehler ausspart, sein Sujet ins Heute zu transponieren, sondern in Ballards Zeit verbleibt) wohl nicht von ungefähr an David Cronenbergs „Shivers“ denken, der ganz offensichtlich von Ballards Ideen beeinflusst war, dem Publikum mit den Parasiten jedoch einen handfesten Anlass für die sich ausdehnenden Ausschweifungen feilbot, damit die Metaebene des Romans verließ und zu Genrezwecken konkretisierte. Dass Cronenberg rund zwanzig Jahre später mit „Crash“ nominell eine eigene Ballard-Adaption vom Stapel ließ, kam somit einem Kreisschluss gleich. Doch Ballard hin, Cronenberg her: Ben Wheatley ist mit „High-Rise“ ein Meisterwerk und vielleicht der Film 2015 geglückt. Muss unbedingt bald „A Field In England“ nachlegen.

10/10

MILES AHEAD

„Convince me.“

Miles Ahead ~ USA 2015
Directed By: Don Cheadle

New York, 1979. Gesundheitlich stark angeschlagen, nahezu völlig ausgebrannt und noch immer unter der Trennung von seiner Ex-Frau Frances (Emayatzy Corinealdi) leidend vegetiert der legendäre Jazz-Trompeter Miles Davis (Don Cheadle) in seinem Haus in der Upper West Side dahin; nahezu völlig zurückgezogen von der Außenwelt, Tantiemen von seiner Hausplattenfirma Columbia und Vorschüsse auf neues Material kassierend, das sich aber nicht recht zuwege bringen lassen mag. Sein täglicher Kokain- und Alkoholbedarf erreicht beträchtliche Höhen, als der freie Journalist Dave Braden (Ewan McGregor) sich aufmacht, Davis‘ Elfenbeinturm zu knacken. Durch Bradens nicht uneigennützige, aber doch freundlich intendierte Einmischung in des Genies Privatleben gelangt ein von Davis sorgsam verwahrtes session tape mit neuen Aufnahmen in die Hände des schmierigen Agenten Hamilton (Michael Stuhlbarg), der damit die Karriere seines jungen, heroinsüchtigen Schützlings Junior (Lakeith Lee Stansfield) pushen möchte. Braden und Davis haben alle Hände voll zu tun, das Tape zurückzubekommen.

Don Cheadles ehrgeiziges Projekt über den bis dato wahrscheinlich größten Jazz-Trompeter überhaupt konnte nur durch jahrelange Vorbereitung und teilweise Crowdfunding-Finanzierung entstehen. Auch die Beteiligung McGregors als neben Cheadle einzigem wirklich prominenten Star floss etwas Patte in die Budgetkasse. Dabei ist „Miles Ahead“ kein Musiker-Biopic im klassischen Sinne oder nach etablierter Form. Für seinen Abriss über die Legende wählte Cheadle vielmehr eine völlig fiktive Geschichte nebst einer fiktiven zweiten Hauptfigur in Person des ebenso aufdringlichen wie ehrgeizigen, britischstämmigen und weißen Journalisten als idealisiertem Konterpart des zu diesem Zeitpunkt längst gottgewordenen Genies. Eine etwas alberne – vom Script allerdings genau als solche verstandene – Episode über ein als klassischer MacGuffin eingesetztes Band mit „geheimen“ Aufnahmen, das in unberechtigte Hände fällt und zurückerobert werden will, dient dabei als Aufhänger für ein betont subjektiv gefärbtes Porträt Davis‘, das sich ans Ende einer seiner schwierigsten, persönlichen Phasen stellt. Nach einer letzten Live-Performance im September 1975 verschwand er für annähernd sechs Jahre vollständig von der öffentlichen Bühne; seine permanenten Auftritte, der zunehmend extremer und anstrengender werdende Freistil seines Sounds und die körperlichen Folgen des Ganzen forderten ihren Tribut. Schwere Suff- und Drogenexzesse folgten, die bereits darvon hindeuteten, dass Davis in Kürze nur noch im Jazzhimmel würde aufspielen können. 1979 jedoch trat er er dank der reaktivierten Beziehung zu der Aktrice Cicely Tyson aus seiner Höhle zurück ans Tageslicht und schaffte immerhin noch weitere zwölf Jahre. Im Film ist der von Cheadle ziemlich leidenschaftlich interpretierte Davis ein formvollendeter Misanthrop und Polytoxikomane, der über all seinen Selbstekel hinaus immerhin den Zynismus noch nicht eingebüßt hat. McGregors Figur zerrt ihn zumindest in Teilen aus der selbstgewählten Lethargie, obschon der gesamte Nebenplot wie erwähnt etwas flachsig daherkommt. Das schadet „Miles Ahead“ aber, wenn überhaupt nur wenig. Man wird dafür mit geraum viel entlohnt, mit einem Gespür für die zugrunde liegende Zeit, mit traumhafter Musik, einem grandiosen Hauptdarsteller und zugleich Regisseur, von dem hoffentlich künftig noch ähnlich Schönes zu sehen sein wird.

8/10

JESSICA JONES: SEASON 1

„I really hate mental illnesses.“

Jessica Jones: Season 1 ~ USA 2015
Directed By: SJ Clarkson/Simon Cellan Jones/David Petrarca/Stephen Surijk/Uta Briesewitz/John Dahl/Billy Gierhart/Rosemary Rodriguez/Michael Rymer

Die seit einem Unfall in ihrer Jugend mit Superkräften ausgestattete Privatdetektivin Jessica Jones (Krysten Ritter) leidet unter einem schweren Schuldkomplex: Einst war sie eines der Opfer des verrückten, kriminellen Gedankenkontrolleurs Kilgrave (David Tennant), der Jessica neben vielen anderen Dingen auch dazu zwang, eine unschuldige Frau namens Reva Connors (Parisa Fitz-Henley) zu ermorden. Revas Mann Luke Cage (Mike Colter), ebenfalls ein Meta-Mensch, kam mit dem Tode seiner Frau, die er aufgrund eines Busunfalls verstorben glaubt, nie zurecht. Heimlich stellt Jessica Luke ohne dessen Wissen nach – als sie sich eines Tages kennenlernen, entbrennt eine heftige Liebesaffäre, ohne dass Luke weiß, mit wem er da tatsächlich ins Bett steigt. Doch auch der totgeglaubte Kilgrave ist längst wieder umtriebig. Wie sich herausstellt, hat er bezüglich Jessica eine krankhafte Obsession entwickelt, die diverse Todesopfer fordert. Bald werden auch enge Vertraute Jessicas zu wehrlosen Opfern Kilgraves…

Nach „Daredevil“ ist „Jessica Jones“ der zweite von Netflix produzierte MCU-Serien-Ableger und man darf erfreulicherweise vermelden, dass selbiger qualitativ zumindest en gros an die erste Staffel um den rotgewandeten, blinden Superkollegen heranreicht. Anknüpfungspunkte gibt es bislang nur wenige; „Night Nurse“ Claire Temple (Rosario Dawson) macht ihre Aufwartung ebenso wie die bärbeißige Staatsanwältin Reyes (Michelle Hurd). Ansonsten bleiben Jones und Cage trotz der relativ dichten Nachbarschaft zu Matt Murdock und dessen Einsatzgebiet (noch) ihrem eigenen Gehege verbunden, was schon ein wenig merkwürdig anmutet – wenigstens voneinander gehört haben könnte man ja. Nun gut. Die filmischen, respektive realbildlichen Entsprechungen der Comicfiguren sind erneut bestens geglückt und wiederum kommen viele klassische Marvel-Charaktere vor, die allerdings durchweg ihrer bunten, schillernden Outfits ebenso entbehren müssen wie ihrer Codenamen. Der von David Tennant vorzüglich interpretierte Zeb „Purple Man“ Kilgrave etwa muss im Serial seine typisch-violettene Pigmentierung gegen eher schnöde lila Sakkos eintauschen, zudem wird seine vergleichsweise unspektaluäre comic origin komplettrenoviert. „Hellcat“ Patricia Walker (Rachael Taylor), hier the heroine’s best friend, kommt erwartungsgemäß ohne hautengen gelben Dress oder gar extraordinäre Fähigkeiten und Frank (bzw. Will) „Nuke“ Simpson (Wil Traval) fehlt das coole US-Flaggen-Tattoo auf dem Gesicht. Aus funnies werden heuer eben Leute. Passt aber alles irgendwo.
Unter den üblichen Serienymptomen leidet jedenfalls auch „Jessica Jones“. Den Hauptplot hätte man ebensogut auch destillieren und raffinieren und einen wesentlich konzentrierteren Spielfilm aus ihm machen können. Vieles wird teils unnötig zerdehnt, unschwer erkennbar, um Erzählzeit zu schinden. Subplots wie jener um den Rosenkrieg der Anwältin Hogarth (Carrie-Anne Moss) und ihrer Noch-Frau (Robin Weigert) oder der um die Kilgrave-Opfer-Selbsthilfegruppe wirken häufig entschleunigend; die Umwege und Ausweichstraßen, die Jessica Jones nimmt, um an Kilgrave heranzukommen erweisen sich fast durchweg ebenfalls als reine cliffhanger um ihrer Selbst Willen. Darin sehe ich schlicht schreiberische Fehlleistungen, die es in „DD: Episode 2“ in solch eklatanter Form nicht gab und die möglicherweise von der einen oder anderen narrativen Redundanz ablenken sollen. Kurzum hätten es zehn bis elf Episoden anstatt der nun vorliegenden dreizehn auch – und vermutlich besser – getan. Insgesamt überwiegen glücklicherweise die immer noch zahlreichen positiveren Aspekte des Projekts. Die psychologischen Untiefen vor allem der Titelfigur werden recht sorgfältig ausgearbeitet und ihre chaotische Liebesbeziehung zu Luke Cage (die im Comic zu späterer Ehe, gemeinsamem Kind und einer Mitgliedschaft bei den „Avengers“ führt), sichert sich einige der schönsten Szenen. Das Interesse am Ball zu bleiben wird somit aufrecht erhalten und die Vorfreude auf die kulminativen „Defenders“ zumindest ein wenig weiter geschürt. Resümee: Ordentlich.

7/10

D’ARDENNEN

Zitat entfällt.

D’Ardennen (The Ardennes) ~ BE 2015
Directed By: Robin Pront

Nach einigen Jahren Gefängnis kommt Kenny (Kevin Janssens) frei. Die Zeit im Bau hat ihn keinesfalls resozialisiert; er ist mindestens noch derselbe unbeherrschte Soziopath wie zuvor. Sein Bruder Dave (Jeroen Perceval), der einst von Kenny gedeckelt wurde und daher straffrei ausgehen konnte, hat zudem ein überaus unangenehmes Geheimnis: Er ist mittlerweile mit Kennys Ex-Freundin Sylvie (Veerle Baetens) zusammen, die zudem ein Baby von Dave erwartet. Aus Angst vor Kennys möglicher Reaktion behalten beide die Wahrheit zunächst für sich. Es dauert nicht lange, bis Kenny sich erneut in die Scheiße reitet und eine Leiche am Hals hat, die es zu entsorgen gilt. Er überredet Dave, zu diesem Zweck mit ihm in die verschneiten Ardennen zu fahren – Symbol gemeinsamer, glücklicher Kindheitstage.

Noch etwas gerader heraus als der zuvor geschaute „Rundskop“, in dem ebenfalls sein Co-Autor Jeroen Perceval zu sehen ist, geht Robin Pronts beeindruckender Debütfilm „D’Ardennen“ in die Vollen. Ein nachtschwarzes Brüderdrama entspinnt es sich hier, ganz so, wie es auch die Coens in früheren, grimmigeren Tagen hätten entwerfen mögen. Kevin Janssens gibt eine beeindruckend wirklichkeitsnahe Vorstellung als drogenkonsumierender Prolet und Ex-Knacki, der aufgrund seiner verwilderten Persönlichkeitsstruktur besser eingesperrt bliebe. So lautet schließlich das bedrückende und gleichfalls nicht unwahre Fazit des Films: Es gibt hier und da Zeitgenossen, die man als Freunde oder gar Verwandte vielleicht lieb hat, ohne die man aber tatsächlich besser dran wäre, weil sie es schlicht immer wieder versauen. Kenny ist so einer. Nachdem er im Knast verschwunden ist, haben sowohl Dave als auch Sylvie Zeit, ihr Leben neu zu sortieren. Drogen sind fortan passé, man verschafft sich schlecht bezahlte, aber immerhin ehrliche Jobs und beginnt, Gefühle füreinander zu empfinden, vielleicht, um die vorübergehende Leere der just entstandenen Lücke mit Leben zu füllen. Schließlich ist noch ein Kind unterwegs. Doch proportional zum Glück der Zweisamkeit wächst die Angst vor Kenny, der bald rauskommt. Als es soweit ist, fehlt der Mut, dem nach wie vor unkontrollierten Wüterich die Wahrheit mitzuteilen. Erwartungsgemäß führt die unpässliche Gesamtsituation in die dräuende Katastrophe; die winterlichen Ardennen werden zum Vorhof der Hölle.
Pronts Film präsentiert sich als von beeindruckender Hermetik beseelt; ein Drei-Personen-Stück um die elementarsten Empfindungen Liebe, Hass, Wut. Und über Schuld und Sühne natürlich. Damit vollbringt er vielleicht keine ausgesprochenen Renovierungsarbeiten am klassischen Duktus des Thriller-Dramas, er füttert selbigen jedoch mit lebenswichtigen Nährstoffen. Und diese entsprechen in Zeiten zunehmend gleichförmig wirkender Filmkreationen innerhalb des (bzw. der) Genres einer nicht zu unterschätzenden Vitalinjektion.

8/10