COLDBLOODED

„I’ve tried everything. Glug, glug, glug – that’s what works for me.“

Coldblooded ~ USA 1995
Directed By: Wallace Wolodarsky

Der einsame, etwas einfältige Cosmo Reif (Jason Priestley) arbeitet als treuer, kleiner Buchmacher für ein Gangstersyndikat. Als sein früherer Boss das Zeitliche segnet und mit dem arrivierten Gordon (Robert Loggia) eine neue Nummer 1 die Befehle gibt, wird Cosmo unversehens und zunächst wider Willen zum Auftragskiller „befördert“. Der erfahrene Steve (Peter Riegert) soll ihn anlernen, ist schon bald äußerst beeindruckt von Cosmos naturgegebenen Schießkünsten und wird von seinem Mündel im Gegenzug zu einer Art Ersatzvater gekürt. Da Steve seine wachsende Verzweiflung mehr und mehr in Alkohol ertränkt und somit unzuverlässig wird, steht auch er bald auf Gordons Abschussliste, derweil Cosmo den Auftrag durchführen soll und gleichsam Steves designierter Nachfolger ist. Doch der schüchterne Junge ist gleichsam frisch verliebt – in die Yogalehrerin Jasmine (Kimberly Williams)…

Eine der wenigen wirklich ordentlichen, im Tarantino-Fahrwasser entstandenen Killergrotesken der Mitt- und Spät-Neunziger ist dieses Kinodebüt des vormaligen und hauptberuflichen TV-Show-Produzenten Wallace Wolodarsky geworden. Mit leisem Humor, statischer Kamera und auf wenige Handlungsorte beschränkt, präserviert „Coldblooded“ einen verschrobenen Humor, der als gezielt eingesetztes Gegengewicht zu dem ansonsten recht gewalttätigen Gestus der Killerstory halbwegs elegant aushebelt.
Zentriert findet man den mit der Tennie-Soap „Beverly Hills, 90210“ zu Erfolg gekommenen Mädchenschwarm Jason Priestley in einer unerwartet nunancierten Darstellung als eine Art Simplicissimus des Profikiller-Subgenres. Cosmo Reif ist ein vermutlich unter dem Asperger Syndrom leidender Midtwen, dessen einziger körperlicher Kontakt zu einer in derselben „Firma“ wie er selbst beschäftigten Prostituierten (Janeane Garofalo) besteht, die wiederum zufällig in jenem Seniorenheim diverse Klienten bedient, in dessen kargem Keller Cosmo haust. Sein Alltag besteht aus leeren, öden Ritualen, bis er dann von jetzt auf gleich Leute erledigen soll. Damit erhält Fosmos Existenz eine Wende, der der durchaus sensible junge Mann emotional langfristig natürlich nicht gewachsen ist. Bis seine Erlösung wartet und seine eigentlich vorab zum Scheitern verurteilte Romanze durch eine ebenso unerwartete wie bizarre Wendung erblühen kann, gilt es zunächst jedoch, einen kleinen Leichenberg aufzutürmen – immerhin müssen sämtliche Spuren in diese merkwürdige biographische Episode Cosmos restlos verwischt werden.
Glücklicherweise sind die (von Wolodarsky selbst ersonnenen) Dialoge des Films ähnlich wortkarg und pointiert wie der langsame Habitus seines Protagonisten und erliegen nicht der Versuchung, die bekokste Geschwätzigkeit des hyperaktiven Vorbilds zu plagiieren. Dieser kluge Weg verhindert zwar nicht gänzlich die eindeutige Identifizierbarkeit der hauptsächlichen Einflussquelle von „Coldblooded“, lässt ihn jedoch eigenständig genug erscheinen, um innerhalb seiner eingeengten Laufbahn zu überzeugen.

8/10

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DOM ZA VEŠANJE

Zitat entfällt.

Dom Za Vešanje (Die Zeit der Zigeuner) ~ YU/I/UK 1988
Directed By: Emir Kusturica

Eine Roma-Siedlung über der Stadt Skopje: Der sanftmütige Perhan (Davor Dujmovic) lebt zusammen mit seiner jüngeren, gehbehinderten Schwester Danira (Elvira Sali) und ihrem Onkel Merdžan (Husnija Hasimović) in der Baracke der Perhan über alles liebenden Großmutter (Ljubica Adzović). Dieser wiederum, mit leichten, telekinetischen Kräften ausgestattet, macht Nachbarin Azra (Sinolička Trpkova) den Hof, bei der er wegen ihrer herrischen Mutter (Bedrije Halim), die Azra ausschließlich an einen liquiden Schwiegersohn herzugeben gedenkt, jedoch keine Chance hat. Daher nimmt Perhan die Offerte des sich gönnerhaft gebenden Ahmed (Bora Todorović) an, ihn und seinen Tross nach Mailand zu begleiten, wo angeblich das große Geld wartet. Danira soll unterwegs in einem Krankenhaus in Ljubljana abgesetzt werden, wo Ahmed ihr großmütig eine Behandlung zu finanzieren verspricht. In Mailand angekommen registriert Perhan rasch, dass Ahmed ein gemeiner Krimineller ist, der sein Geld mit Prostitution und kleinen Räubereien macht und Kinder zum Betteln auf die Straße schickt. Dennoch avanciert Perhan nach einem Schlaganfall Ahmeds zu dessen rechter Hand. Als der Junge schließlich – ohne Erlaubnis Ahmeds – nach Skopje zurückkehrt, muss er erfahren, dass Azra hochschwanger ist – gerüchtehalber von Merdžan, was Perhan in tiefe Verzweiflung stürzt. Dennoch nimmt er Azra, die beteuert, es handle sich um Perhans eigenes Kind, eilends zur Frau und kehrt mit ihr nach Mailand zurück, wo Azra unter dem Druck, den vermeintlichen „Bastard“ verkaufen zu müssen, bei der Niederkunft stirbt. Perhan erkennt nun endgültig, welchen schlechten Einfluss Ahmed auf ihn hatte. Dieser verschwindet jedoch spurlos mit Perhans Sohn. Auch Danira ist nicht mehr aufzufinden. Perhan wird nunmehr einzig von dem Gedanken an Rache getrieben.

Im ersten Teil seiner „Zigeuner-Trilogie“ verfeinert der serbische Regisseur Emir Kusturica seine ihm ohnedies in der Filmkunst so spezifiziert zugeschriebene Methode des realismo mágico und führt diese zur Perfektion: Einer sehr beherzt und emotional erzählten, moralträchtigen und zugleich relativ einfachen Geschichte steht ein sehr viel komplexerer, oft traumnaher Erzählstil gegenüber, in dem im Grunde alles möglich ist. Kusturica meinte, dass die Parallelkultur der Roma und ihre sehr unterschiedlichen, regionalen Ausprägungen ihn seit frühester Kindheit faszinierten und er dort, wo sich ihre Ansiedlungen konzentrierten, das Leben stets um sehr Vieles vitaler wahrnahm als andernorts. Diese Faszination überträgt sich nahtlos schwebend auf „Dom Za Vešanje“, der, besetzt mit einer Kombination aus Laiendarstellern und Profis, einen tiefen Einblick in das Roma-Leben gewährt und dabei jedweden Voyeurismus oder Denunziantentum ausspart. Selbst die Originaldialoge sind in romanes belassen, einer Sprache, die der in den letzten Jahren immer wieder wegen nationalistischer Zugeständnisse aufgefallene Kusturica kaum zureichnend beherrscht. Dabei dividiert sich „Dom Za Vešanje“ im Groben in zwei Teile: Die Zeit, die Perhan im bettelarmen, aber lebensfrohen Heimatdorf verlebt und später dann jene, die ihn unter seinem neuen Paten gen Westen führt, moralisch zutiefst korrumpiert und einen garstigen Misanthropen aus ihm formt, dessen blutiger Rachefeldzug ihm am Schluss selbst den gewaltsamen Tod bringen und aus seinem kleinen Sohn eine Vollwaise machen wird. Schnittstelle bildet eine zutiefst poetische Aufbereitung der von den Roma ausgiebig gefeierten St.-Georgs-Nacht, die als eher heidnisches denn religiöses Frühlingsfest begangen wird und in der Perhan seine Unschuld verliert (und Azra schwängert). Symbolisch wird sein „Erwachsenwerden“ ihn nicht nur körperlich einer entzärtlichten Form der Männlichkeit zuführen, sondern den einstigen Tagträumer darüberhinaus auch brutalisieren. Nach seinem traurigen, vorhersehbaren Ende bleibt nurmehr ein letzter Trost – Hatidža, die tapfere, stets lebenbejahende Großmutter, ewige Fackel- und Hoffnungsträgerin der Sippe, wird sich des Jungen annehmen so wie sich einst schon Perhan angenommen hat. Das Leben – es geht weiter.

10/10

REVENGE

Zitat entfällt.

Revenge ~ F/BE 2017
Directed By: Coralie Forgeat

Ihr Wellness-Wochenende hatte sich das Millionärsliebchen Jen (Matilda Lutz) geflissentlich anders vorgestellt: Dass ihr Galan Richard (Kevin Janssens) etwa zeitgleich zwei gewöhnungsbedürftige Kumpel (Vincent Colombe, Guillaume Bouchède) in seinem Luxusbungalow inmitten der kalifornischen Wüste zum Jagen eingeladen hatte, kommt ebenso überraschend wie eine brutale Vergewaltigung durch einen von den beiden am Morgen nach einer alkohol- und drogengeschwängerten Nacht. Anstatt von Richard den erhofften Beistand zu erhalten, will dieser sich Jens Schweigen erkaufen und reagiert umso barscher auf ihre Zurückweisung. Die nachfolgende, kurze Jagd hat vermeintlich Jens Tod zur Folge, doch die junge Frau erweist sich als wesentlich zäher als der Durchschnittsmensch und geht zum Gegenangriff über.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen „Revenge“ und Meir Zarchis großem Klassiker „I Spit On Your Grave“ sowie dessen kaum überschaubarer Epigonenzahl bestehen darin, dass dieser jüngste Spross des „Rape & Revenge“-Subgenres von einer Frau inszeniert wurde, darin, dass er vor dem Hintergrund der Ära #metoo entstanden ist und schließlich darin, eine hochstylisierte, schicke Inszenierung mit einem latent-hyperrealen Augenzwinkern zu kombinieren. Dass Forgeat ganz gewiss kein Lustobjekt für Sadovoyeure zu schaffen gedachte, lässt sich daraus bereits genügsam folgern, eine Transzendierung der Gattung gibt’s noch obendrein. Die durchaus selbstbewusste, sich an Reichtum und sexueller Potenz ihres Liebhabers Richard, seines Zeichens vorgeblich steinreicher Gesellschaftslöwe und Familienvater, aber innendrin von perversester Dekadenz geschwärzt, mästende Jen wird gleich zweimal unfreiwillig penetriert: Zunächst durch Richards schmierigen Jagdfreund Stan (Colombe) und dann noch von einem knorrigen Wüstengeäst, auf dem sie, aus großer Höhe fallend, aufgespießt wird. Doch der Wunsch nch Rache ist stark in ihr und so gelingt es Jen, selbst dieser hoffnungslosen Situation zu entkommen und sich hartnäckig zur Wehr zu setzen, am Ende sogar gegen den metamaskulinen Mannesalbtraum Richard, der gewissermaßen das Böse aller Harvey Weinsteins dieser Welt in sich vereint. Audiovisuell langt das für einen sonnenlichtdurchfluteten Hardcore-Rächerinnenfilm, dem es weniger darum geht, seine lange Ahnengalerie zu ergänzen, sondern der mir tatsächlich vielmehr so etwas wie die Versuchsanordnung eines feministischen Freischwimmers zu sein scheint.
Da Forgeat ihr Anliegen vergleichsweise geschickt unterbringt, bei aller grundsätzlich generöser Gesinnung dennoch ordentlich holzt und zumindest in der Aufwändung von Kunstblutgallonen prasst, wie es einem Film dieser Art grundsätzlich zukommt, hat sie meinen Segen.

7/10

MOTHER!

„You never loved me. You just loved how much I loved you.“

Mother! ~ USA 2017
Directed By: Darren Aronofsky

Das irgendwo im Grünen liegende, noch in der Restauration begriffene Landhaus eines jungen Ehepaars (Jennifer Lawrence, Javier Bardem) wird eines Abends von einem fremden Herrn (Ed Harris) aufgesucht, der sich als Riesenfan von Ihm, seines Zeichens berühmter Autor mit gegenwärtiger Schreibblockade, zu erkennen gibt. Ihr ist dabei gar nicht recht, dass Er den seltsam kränkelnden Mann ohne Umschweife einlädt, ihr Gast zu sein. Dem Fremden folgt am nächsten Tag seine Ehefrau (Michelle Pfeiffer), eine dreiste Dame, und dann auch noch deren zwei zerstrittene Söhne (Brian Gleeson, Domhnall Gleeson), von denen der eine den anderen tötet. Die anschließende Trauerfeier findet im Haus des Ehepaars statt, derweil Sie die Ereignisse völlig überfordern. Die Gäste verwüsten schließlich große Teile des Hauses, werden dann endlich herauskomplentiert. Nach der anschließenden Liebesnacht ist Sie schwanger. Glückliche Monate folgen, bis das Baby sich ankündigt. Er hat mittlerweile sein neues Buch veröffentlicht, das sich als Megabestseller verkauft. Als sich eines Abends unter gewaltigem Medienecho mehr und mehr Seiner Fans vor dem Haus versammeln und Sie kurz vor der Niederkunft steht, kommt es zur Katastrophe: Die Menschenmassen stürmen das Haus, feiern Ihn und das Baby als Mentor und Messias und beginnen bald, sich gegenseitig anzugreifen und zu töten, derweil sie bald keinen anderen Ausweg mehr sieht, als das alles der überfälligen Vernichtung zuzuführen.

Ein tolles Ding hat Aronofsky da wieder vom Stapel gelassen, rund um seine zeitweilige Muse und Bettgenossin Jennifer Lawrence. Diesmal knöpft er sich nichts Geringeres als die Bibel vor, immerhin das „Buch der Bücher“, und nutzt deren inhaltliche Klammer, oder vielmehr Genesis und Neues Testament, um die darin beschriebenen Ereignisse vom Anfang und Ende der Welt in eine deftige, surreale Familienallegorie zu packen, wie sie Buñuel oder Pasolini vermutlich auch nicht schöner hinbekommen hätten. Man muss gar nicht viel heruminterpretieren an den Figuren und Geschicken, deren Metaphorik überdeutlich ins Auge springt: Bardem ist Gott, Lawrence Mutter Erde, Harris und Pfeiffer sind Adam und Eva, die Gleeson-Brüder Kain und Abel. Nach einem Zeitsprung, der gewissermaßen das Aufkommen des Monotheismus und die Schwangerschaft von Ihr, die ergänzend noch die Rolle der Maria zu übernehmen hat, abdeckt, geht es weiter mit der Geburt Jesu und damit der Initiation des Christentums und der anderen Religionen, die jede für sich die Wahrheit und die Welt beanspruchen und dieser am Ende nurmehr die Option der Selbstzerstörung lassen. Und weil sich alles, auch das Sein als solches, wiederholt, hat Gott am Ende eine neue Gattin/Mutter und ein neues Haus.
Kontroverse Aufnehme erfuhr „Mother!“, zweifelsohne klar einkalkuliert, wegen seiner zum Ende hin zunehmend deftig visualisierten Passionssymbolik, die etwa den Leib und das Blut Christi tatsächlich als solche erscheinen lassen und sich in Nihilismus, Chaos und Totschlag ergeht. Auch die kritische Charakterisierung Gottes wird manch Gläubigem wenig in den Kram passen: Nicht nur, dass er hier aussieht wie Javier Bardem und damit eine stattliche Personifikation durchläuft, lässt Aronofsky ihn trotz seiner Allmacht wenn schon nicht als bösen, so doch zumindest als eitle, dumme Entität erscheinen, die sich mit Vorliebe in der Sympathie ihrer Anhängerschaft suhlt und keinerlei Verantwortung für ihre eigenen Kreationen übernimmt, nachdem diese einmal erschaffen sind und selbst nicht über die notwendige Mündigkeit verfügen, ihr Erbe ordentlich und gerecht zu verwalten. Doch obschon Gott (eigentlich) sieht, das es schlecht ist, schert er sich nicht sonderlich, denn jede Mutter, die er sich selbst neu schafft, hinterlässt ihm immer wieder ihr ureigenes (im Film als herzgroßer Diamant dargestelltes) Wesen, woraus dann wieder alles von vorn entstehen kann.
Alles was wir sind, ist Sand im Wind, Hoschi.

8/10

MORTELLE RANDONNÉE

Zitat entfällt.

Mortelle Randonnée (Das Auge) ~ F 1983
Directed By: Claude Miller

Der einsam lebende belgische Privatdetektiv Beauvoir (Michel Serrault), genannt „Das Auge“, soll im Auftrag seiner Chefin (Geneviève Page) die junge Braut (Isabelle Adjani) eines Millionärssohnes beschatten, die von ihren Schwiegereltern für eine Heiratsschwindlerin gehalten wird. Tatsächlich beobachtet Beauvoir die Dame bei der Ermordung des Bedauernswerten. Anstatt sie zu verraten, heftet sich Beauvoir an die Fersen der Mörderin, in deren Person er mit zunehmender Obsession seine ihm stets unbekannt gebliebene Tochter projiziert, beginnt sogar, sie bei ihren verbrecherischen Reisen quer durch Europa heimlich zu unterstützen und ihr Schicksal maßgeblich zu beeinflussen.

Ich empfinde Millers „Mortelle Randonnée“ als eine durchaus elegante, rein formalästhetisch betrachtet sogar ziemlich exzellente Versuchsanordnung einer psychologischen Fallstudie, die mir auf emotionaler Ebene allerdings keinerlei Zugang bieten mag und mich auf eine begfremdliche Weise kaltgelassen hat wie schon lange kein Film mehr. Ich mache das retrospektiv an der bedingungslosen, allumfassenden Distanziertheit fest, mit der Miller sein Personal und seine Geschichte inszeniert: Man wird Zeuge der sich im Laufe der Jahre, die die erzählte Zeit des Films umfasst, zunehmend pathologisierenden, psychischen Verdrehung und Verkantung eines Mannes, dessen Ehe dereinst in die Brüche gegangen ist, der seine Tochter nie kennenlernen durfte und das aus mutmaßlich signifikanten Gründen. „Auge“ Beauvoir, der sich im Fortgang der Geschichte als eine Art französische, kriminalistisch angelegte Melange aus der Nabokov-Figur Humbert Humbert und dessen ewigem Widersacher und Verfolger Clare Quilty erweist, wird durch seine manipulatives und zugleich devotes Wesen recht früh als armseliger Verlorener charakterisiert, dem es auf seinen Irrwegen durch Südwesteuropa und denen in die eigene Psyche zu begleiten eben dezidiert wenig Vergnügen bereitet. Serrault spielt diesen Sklaven seiner Schuldkomplexe und Hirngespinste, die sich nach und nach in einer tief verwurzelten, inzestuös gefärbten Obsession kanalisieren, in zugegebenermaßen brillanter Weise zwischen Ironie und Bedauerungswürdigkeit. Isabelle Adjani, die in diesen Jahren bekanntermaßen ja beinahe ausschließlich auf die eine oder andere Weise entrückte, enigmatische Frauenfiguren gab, entwickelt sich unter Beauvoirs Observation (und parallel dazu natürlich auch der des Publikums) von der mörderischen femme fatale zu einem Opfer ihrer tatsächlich berechtigten Paranoia, die sie, sehr viel mehr noch als jede offene Attacke oder mögliche Denunziation Beauvoirs, angreifbar macht, zermürbt und schließlich in den Tod treibt. Damit verliert auch „Das Auge“ seinen letzten Existenzzweck.

7/10

SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA

Zitat entfällt.

Salò O Le 120 Giornate Di Sodoma (Die 120 Tage von Sodom) ~ I/F 1975
Directed By: Pier Paolo Pasolini

Zusammen mit den Übrigbleibseln seiner systemtreuen Herolde und Handlanger gründet Mussolini unter breiter Unterstützung des Deutschen Reichs in der norditalienischen Stadt Salò eine Marionettenrepublik, die von September 1943 an noch rund eineinhalb Jahre bestehen bleiben wird. Während über Brescia bereits die Motoren der alliierten Aufklärungsflugzeuge und Bomber röhren, beschließen vier im Faschismus gediehene Herren, ein Adliger (Paolo Bonacelli), ein Richter (Umberto Paolo Quintavalle), ein Kleriker (Giorgio Cataldi) und ein Politiker (Aldo Valletti) den nahenden Untergang ihres Systems im Zuge einer beispiellosen Orgie zu zelebrieren. Dabei wird zuvor explizit vertraglich festgehalten, dass jedwedes moralische und ästhetische Dogma bewusst gebrochen werden soll. Neben vier alternden Huren, die als Geschichtenerzählerinnen jeweils die minutiös geplanten Akte der Perversion einzuleiten haben, lässt das distinguierte Quartett von Wehrmachtssoldaten siebzehn Jugendliche einfangen und auf ein feudales Palazzo am Gardasee verschleppen. Die Qualen und Folter, die die jungen Leute in den kommenden Tagen bis zu ihren Ermordungen zu erleiden haben, sind furchtbar.

„Salò“ sehen heißt, sich ihm stellen. Über Pasolinis Skandalfilm ist bereits so viel geschrieben und gesagt worden, dass mir weitere historische Erläuterungen an dieser Stelle redundant erscheinen. Die Frage, die ich mir auch selbst gestellt habe und noch stelle, ist vielmehr die, was den Zuschauer zur wiederholten Rezeption des Werkes bewegt, respektive, warum man sich ihm unter Kenntnis des zu Erwartenden bewusst und freiwillig aussetzt. Die plausibelste Antwort scheint mir: weil der Film es verdient. Pasolini war ja ein Getriebener, der nie ganz zu sich selbst gefunden hat; voll von Dämonen und Ekel, über die Welt, ihre Auswüchse und sich selbst. Insofern hat sein Tod, seine Ermordung, die noch vor der Premiere seines Finalwerkes stattfand, beinahe etwas Romantisches – so unbequem „Salò“ ist, so unbequem war der Mensch und Künstler Pasolini für etliche Zeitgenossen. Der Mord an ihm ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Der zunächst verurteilte Strichjunge Pino Pelosi, zum Tatzeitpunkt 17 Jahre jung, widerrief später das ursprüngliche Geständnis und gab Dekaden später zu, Pasolini im Auftrag von Hintermännern von Rom nach Ostia gelockt zu haben. Auf dem Weg sei das Opfer dann von einem Schlägertrupp zu Tode geprügelt worden, der vielerseits dem rechtsextremen Lager zugeordnet wird. Es würde wohl zu weit gehen, zu konstatieren, Pasolini sei schlussendlich für die Realisierung dieses Films gestorben, doch der Gedanke ist grundsätzlich nicht ganz von der Hand zu weisen.
Sich titulär auf die gleichnamige Novelle des Marquis De Sade sowie die von Dante Alighierhi im Eingangssegment „Inferno“ der „Divina Comedia“ beschriebenen, vier Höllenkreise berufend, zergliedert Pasolini die Ausschweifungen seiner bourgeoisen Faschisten und das Martyrium ihrer Opfer in einer sich steigernden, systematischen Deprivatisierung aller Körperlichkeit. Auf eine radikale Form verzichtet der Regisseur dabei völlig und wohl ganz bewusst, ebenso wie auf jede mögliche Gefahr audiovisueller, erotischer Stimulanz des Publikums. Die Bilder sind von starrer, schmuckloser Klarheit und karger Farbgebung; sperrig und verrweigern sich offen pornographischer Darstellungen. Die besonders berüchtigten Szenen um die hier genussvoll, da angewidert praktizierte Koprophagie sind mithin am schwersten zu ertragen, derweil ich die finalen, vergleichsweise knapp selektierten und wenig exzessiv festgehaltenen Torturen beinahe gleichgültig wahrnahm – Pasolini hatte mich da ohnehin längst am Boden. Als Symbolbild für Faschismus, den Pasolini hier deutet als die Option der Machthaber, sich selbst konsequenzenlos und im Gegenzuge umso endgültiger zu entmenschlichen und selbst noch den alleruntersten Instinkten stattzugeben, gibt es wohl kaum verstörenderes stilisiertes Anschauungsmaterial. Natürlich entstammen die Protagonisten den gesellschaftlichen Säulen des klassisch-zivilisierten Staates, repräsentieren Politik und Justiz, Kirche, Adel und Hochfinanz in all ihrem gräulichen Korruptionspotenzial. Umso konsequenter demontiert der Film sie, schürt den Hass des Publikums und gleichermaßen die Ohnmacht, im Zuge derer ihre Opfer ihnen und ihren entfesselten Gelüsten ausgesetzt sind.
Ob ich bis zur nächsten Betrachtung von „Salò“ wieder 27 Jahre verstreichen lasse, weiß ich noch nicht. Für den Moment habe ich genug.

9/10

RETURN TO HORROR HIGH

„Nobody hits one of the trolls!“

Return To Horror High ~ USA 1987
Directed By: Bill Froehlich

Eine ungeklärte, vor fünf Jahren an der Crippen High School grassierende Mordserie soll zum Thema eines billigen Horrorfilms werden. Von diversen Unpässlichkeiten lässt sich der wackere Produzent Harry Sleerik (Alex Rocco) erst gar nicht den Tag vermiesen: Seine Idee, das Ding direkt vor Ort am authentischen Schauplatz zu drehen, macht selbst die Tatsache wett, dass auch heuer wieder ein verrückter Killer unterwegs ist, der Schule und Filmset gleichermaßen unsicher macht…

Als kleine Frischzellenkur auf dem anno 87 recht plattgewalzten Pfaden des Slasherfilms gab es von Einmalregisseur Bill Froehlich diese durchaus vergnügliche, selbstparodistische Komödie, die durch den gezielten Einsatz narrativer Auslassungen und oftmals halsbrecherischer Erzählebenenwechsel eine ordentliche Menge ihres neckischen Aufzugs bezieht. Als Rückblende aufgezogen (zu Beginn findet die Polizei die Reste und Überbleibsel eines deftigen Massakers, dessen Hintergründe nach und nach entsponnen werden) changiert Froehlich im weiteren Verlauf permanent und fast nie auf den ersten Blick erkennbar zwischen Film- und Film-im-Film-Realität, wobei sich die (investigative) Gegenwart und die erzählte, „reale“ Vergangenheit beinahe alberner ausnehmen, als die durch das sich mühselig abrackernden Filmteam dramaturgisierte Story. Am Ende wird dann auch das Publikum nochmal zünftig gefoppt, so dass man vor lauter Layern und Metaebenen nurmehr staunen möchte.
Zwar krankt „Return To Horror High“, der entgegen anderslautender Annahmen und Netzinformationen kein Sequel zu Larry N. Stouffers Mutantenmonsterfilm „Horror High“ darstellt, zumindest geringfügig auch weiterhin an den allseits bekannten Erbkrankheiten der Gattung, die vor allem in der ohnehin kaum erfüllbaren Aufgabe bestehen, die „Füllszenen“ zwischen den Mordsequenzen halbwegs geschickt oder gar interessant zu gestalten, er fällt aufgrund seines innovativen Konzepts aber dennoch erfreulich gewinnstiftend aus dem Rahmen. Außerdem ist er vor allem infolge seiner vielen grandios-absurden Szenen und Einfälle stellenweise wirklich urkomisch.

7/10