THE DAM BUSTERS

„Tonight, you’re going to have a chance to hit the enemy harder, and more destructively, than any small force has ever done before!“

The Dam Busters (Mai ’43 – Die Zerstörung der Talsperren) ~ UK 1955
Directed By: Michael Anderson

England in den frühen Jahren des Zweiten Weltkriegs. Der brillante Ingenieur Wallis (Michael Redgrave) entwickelt einen grandiosen Einfall, um die Waffenproduktion der Nazis an ihrem empfindlichsten Punkt zu treffen: Im Ruhrgebiet, von wo aus unter anderem die Krupp-Werke der Wehrmacht ihren unerschöpflichen, stählernen Nachschub liefern. Nachdem Wallis unter unermüdlicher Überzeugungsarbeit seinen Plan in der britischen Admiralität unter Dach und Fach gebracht hat, harrt dieser der Realisierung. Eine eigens geformte Spezialstaffel von Spitzenpiloten der R.A.F., darunter der Teufelsflieger Guy Gibson (Richard Todd), erhält den Auftrag, die ihnen anvertrauten Spezialbomben in einem zuvor exakt berechneten Winkel und bei extrem niedriger Anflugshöheauf drei Staudämme abzuwerfen, die das für die Schwerindustrie so wichtige Wasser präservieren.

Bei beinahe dokumentarischer Genauigkeit berichtet Michael Anderson von dieser heroischen Episode des britischen Militärs, das im Mai 1943 den Deutschen eine empfindliche Schlappe zufügen konnte. Michael Redgrave spielt das etwas kauzige Genie Dr. Wallis mit der ihm eigenen Spezifik des sympathischen Träumers, dessen beinahe kindliche Begeisterung für seine Idee letztlich genau die Überzeugungskraft entwickelt, um eine Wahnsinnsmission wie die der authentischen „Operation Chastise“ erst zu ermöglichen. Gerade mit so viel wissenschaftlicher Fachanleitung wie eben nötig schildert „The Dam Busters“ dann die Erfindung von Wallis‘ hüpfenden Super-Torpedos, die nach ihrem Abwurf aus geringer Höhe zunächst ein paar Male wie flache Steine übers Wasser springen, um dann an ihrem Ziel präzise zu detonieren. Erst nach einem guten Drittel Spielzeit lernen wir dann die mindestens ebenso wichtige Exekutivkraft des Kommandos kennen: Fliegerass Guy Gibson, einen wahren Tausendsassa hinterm Steuerknüppel, der, familiär alleinstehend und von höchstem militärischem Schliff, für den Kriegseinsatz geboren scheint. An Gibson, einem der wenigen Eingeweihten betreffs des geplanten Unternehmens, ist es dann auch, seine Mitstreiter im extremen Tiefflug zu schulen, um die ohnehin geringen Erfolgsaussichten zumindest geringfügig aufzuwerten. Als kurz vor dem Einsatz ausgerechnet Gibsons bester Freund, sein Hund (dessen etwas eigenartiger Name „Nigger“ lautet), überfahren wird, lässt der Profi sich nicht von der Trauer überwältigen und fliegt seinen Einsatz als einer der wenigen späteren Überlebenden, mit der gebührlichen Präzision.
Wie die meisten britischen und amerikanischen Kriegsfilme dieser Ära singt auch „The Dam Busters“ eine – immerhin gebührliche – Eloge über alliierte Heldentaten im Zweiten Weltkrieg, die, Mosaik für Mosaik, zum finalen Zusammenbruch des Dritten Reichs geführt haben. Was Andersons Film allerdings über viele andere Vertreter seiner Gattung erhebt, ist nicht allein die überaus akribische Arbeitsweise seines Regisseurs, sondern auch das nie in Vergessenheit geratende humanistische Element. Bei den Helden, die hier verzweifelt gegen die Aggressoren vorgehen, handelt es sich um prinzipiell völlig normale Typen, die eher gezwungenermaßen ihr Möglichstes und Bestes geben, um ihr Land zu verteidigen und weder um unfehlbare Halbgötter noch um Zigarren fressende Panzerknacker oder prätraumatisierte Eigenbrötler.
Der wohl schönste und intimste Moment des Films ist dann wohl auch der, in dem Ingenieur und Pilot, zwei eigentlich völlig diametrale Menschenschläge, sich erstmals begegnen und sogleich aufrichtige Sympathien, fast Freundschaft füreinander entwickeln, obschon allein dieOption der Realisierung ihres gemeinsamen Projekts zu diesem Zeitpunkt noch mehr denn fragwürdig erscheint. Diese eigentlich so unscheinbare, liebenswerte Szene sprengt wie beiläufig mal eben so ein komplettes Genrekorsett.

8/10

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THE MAN WHO CHANGED HIS MIND

„Most of me is dead. The rest of me is damned.“

The Man Who Changed His Mind (Der Mann, der sein Gehirn austauschte) ~ UK 1936
Directed By: Robert Stevenson

Die Nachwuchschirurgin Clare Wyatt (Anna Lee) meldet sich bei dem zurückgezogen forschenden Gehirnexperten Dr. Laurience (Boris Karloff), um ihm zu assistieren. Laurience, dessen einziger Freund sein zynischer, im Rollstuhl sitzender Adlatus Clayton (Donald Calthrop) ist, offeriert Clare, dass er einen Weg gefunden hat, die Gehirnmuster eines Lebewesens mit denen eines anderen zu vertauschen, dass also eine vollständige Übertragung des Geistes möglich ist. Was bisher bei Schimpansen funktionierte, will Laurience nun auch an Menschen erproben. Die finanzielle Bezuschussung erhält er durch den reichen Pressemogul und Gönner Haslewood (Frank Cellier), dessen Sohn Dick (John Loder) Clares Freund ist. Doch Laurience wird öffentlich verlacht, eine erste Demonstration geht schief und der frustrierte Wissenschaftler tauscht kurzerhand den Geist Haslewoods mit dem des sterbenden Clayton. Lauriences Wahn ergreift mehr und mehr Besitz von ihm. Schließlich will er Clare für sich haben und fasst einen weiteren, perfiden Plan…

Ein berufsbedingter Ausflug in die Alte Welt führte Boris Karloff ins Königreich, wo er unter der Ägide der Gainsborough Pictures (Produktion), der Gaumont British (Verleih) und der Inszenierung des späteren Disney-Regisseurs Robert Stevenson dieses erstklassige Mad-Scientist-Movie bespielte. Die verführerische Diabolik des Sinistren lastet diesmal allerdings nicht allein auf seinen Schultern; mit seinem nicht minder hinterlistigen Freund Clayton kann er zumindest, so lange dieser ihm von Nutzen ist, auf einen „gleichwertigen“ Kompagnon setzen. „The Man Who Changed His Mind“ (der in William K. Eversons im Rahmen von Goldmanns Citadel-Reihe erschienen Standardwerk „Klassiker des Horrorfilms“ so wunderhübsch eingedeutscht wurde als „Der Mann, der es sich anders überlegte“) hält den Vergleich mit jeder aus dieser Zeit stammenden, phantastischen Studioproduktion aus Hollywood Stand und zieht sämtliche, teils bereits standardisierten Register: Der zauselige, zwangselixierte Wissenschaftler in seinem gräulichen Provinzhaus mitsamt Versuchsaffen, der sein Genie infolge ihn missverstehender Kollegen für das Böse missbraucht und schließlich zum Mörder wird, die schöne, wissbegierige Nachwuchswissenschaftlerin, die bei ihm an der denkbar falschesten Adresse ist und schließlich eine unglückliche Liebe, die das diesmal sehr menschliche Biest am Ende zu Fall bringen wird. Immerhin – auch diesmal ist Karloffs Figur nicht durchweg verloren; sterbend bereut Dr. Laurience seine Untaten. Alles drin, alles dran. Als zusätzliches Kuriosum dürfte noch erwähnt werden, dass Karloffs Figur hierin Kette raucht, als gäbe es kein Morgen. Kaum eine Einstellung, in der er nicht ohne Glimmstengel zu sehen ist, womit Dr. Laurience vermutlich der Titel des nikotinsüchtigsten verrückten Filmwissenschaftlers aller Zeiten gebührt.

8/10

NAKED

„A cliché is full of truth, otherwise it wouldn’t be a cliché….“  – „Which is in itself a cliché.“

Naked (Nackt) ~ UK 1993
Directed By: Mike Leigh

Mit einem geklauten Auto flieht Johnny (David Thewlis), nachdem er eine Frau vergewaltigt hat, Hals über Kopf von Manchester nach London, wo er die WG seiner Exfreundin Louise (Lesley Sharp) aufsucht. Louises dauerbekiffter Mitbewohnerin Sophie (Katrin Cartlidge) begegnet er als erstes, Sandra (Claire Skinner), die Dritte im Bunde, befindet sich gerade auf einer Afrika-Reise. Schon die Gegenwart der beiden anwesenden Frauen ist für Johnny zuviel des Guten. Statt in der Wohnung zu bleiben, begibt er sich auf einen ziellosen Trip durch London, wobei er diversen gescheiterten Zeitgenossen begegnet, die es nicht besser getroffen als er, der sich in einer formvollendeten Mischung aus Misanthropie und Selbstmitleid gern zum ultimativen Opfer stilisiert. Schließlich bezieht er eine gewaltige Tracht Prügel und kriecht blutend zu der Damen-WG zurück, wo ihn die Fürsorge Louises zumindest vorübergehend aufbaut. Parallel dazu stromert der reiche Yuppie Jeremy (Greg Cruttwell) durch die Stadt, der eine noch schärfere Misogynie als Johnny pflegt und im Gegensatz zu ihm vollends die Brücken zur Menschlichkeit abgebrochen zu haben scheint. Auch er landet irgendwann bei Louise und Sophie…

No future for you, no future for me. Mike Leighs empathiesperriges Porträt eines heimatlosen Arschlochs zählt zum Zwingendsten, was das britische Kino in den neunziger Jahren ausgespieen hat. „Naked“ ist ein Film der Nacht und der Kälte, er zeigt beinahe ausschließlich Menschen, die in multiplen Formen der Isolation vor sich hinexistieren, kein greifbares Ziel vor Augen. Beziehungsunfähigkeit und Sackgassen bestimmen das durch Drogen, Alkohol und paraphile Ausbuchtungen eträglicher gemachte Lebensspektrum, das Leigh uns hierin vorführt; ein verirrtes Pärchen (Ewen Bremner, Susan Vidler) läuft aneinander vorbei, ein einsamer Nachtwächter (Peter Wight) beobachtet eine alternde Säuferin (Deborah MacLaren) im Haus gegenüber, eine Serviererin (Gina McKee) ist schwer traumatisiert. Johnny, gewissermaßen ein Erbe all der zornigen, maskulinen Kitchen-Sink-Charaktere aus der dreißig Jahre zurückliegenden Hochphase jener Kinowelle, hat für sie alle garantiert ein böses Wort parat und lässt sie an seinen verqueren, selbsträsonistischen Lebensweisheiten teilhaben, die sich in einem oftmals wirren Konglomerat aus Zynismus und Endzeitphantasien äußern. Hoffnung oder gar Trost wären Termini, angesichts derer Johnny bestenfalls höhnisches Gelächter parat hätte. Dass sein von ihm so wunderbar gepflegter Sarkasmus indes nicht mehr ist denn ein ungehört verhallender Hilfeschrei nach Zwischenmenschlichkeit, macht seine ausgestellte Abgründigkeit kaum genießbarer. Der zumindest liquide Jeremy (Greg Cruttwell spielte drei Jahre später nochmal eine wunderbare Ergänzung zu diesem Part in John Herzfelds nach wie vor sträflich ignoriertem „2 Days In The Valley“) ist da nicht viel mehr als sein betuchtes Pendant und nebenbei der zwingend erbrachte Beweis dafür, dass auch Geld keine großen Männer macht; bei ihm kennzeichnen sich Egomanie und Frauenhass vielmehr durch unverhohlen ausgestellte, sadomasochistische Gelüste, die er dann mit hilflos wirkendem Gekicher kommentiert. Eine probate Identifikationsfigur in „Naked“ zu finden, wird einem nur schwerlich gelingen, selbst die noch am Ehesten als halbwegs vernunftbegabt durchgehende Louise ist nicht in der Lage, eine klare Linie zu verfolgen.
So jagt Leigh uns rundheraus durch gut sechzig erzählte Stunden menschlicher Schlingfesseln und Abgründe, die sich durch regelmäßig durchblitzende Schwarzhumorigkeit immerhin auf emotionaler Ebene etwas besser ertragen lassen. Andererseits ist „Naked“ ohnehin ein Werk, das man vielleicht am Besten im Spätherbst bei Dunkelheit und abgedrehter Heizung genießen sollte.

9/10

THE LOST CITY OF Z

„Peace means only that nothing will change.“

The Lost City Of Z (Die versunkene Stadt Z) ~ USA 2016
Directed By: James Gray

Der britische Offizier Percy Fawcett (Charlie Hunnam), ein hervorragender Reiter und Schütze, leidet unter Standesdünkeleien, die ihn die in seinem Umfeld allgegenwärtige Aristokratie spüren lässt. Im Jahre 1906 wirbt ihn die Royal Geographical Society an, um in Südamerika ein unerforschtes Teilgebiet des Amazonas zu kartographieren. Dabei stößt Fawcett auf architektonische Relikte, die auf eine untergegangene oder möglicherweise noch existente, versteckte Hochkultur mitten im Urwald hindeuten. Mit letzter Kraft schaffen es Fawcett und seine verbliebenen Männer, in die Zivilisation zurückzukehren. Unter der Schirmherrschaft des Biologen James Murray (Angus Macfadyen) macht sich Fawcett zu einer zweiten Expedition auf, diesmal, um ganz gezielt die „Stadt Z“, wie Fawcett sie nennt, ausfindig zu machen. Murrays unprofessionelles Verhalten sorgt für einen frühzeitigen Abbruch des Abenteuers, wobei der feine Herr Fawcett zurück in England zudem des Verrats denunziert. Der erboste Fawcett kündigt der RGS seine Verbundenheit und kann jahrelang nicht mehr zum Amazonas reisen, obwohl in das Entdeckerfieber gepackt hat. Nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg, der eine vorübergehende Erblindung zur Folge hat, überredet ihn schließlich sein ältester Sohn Jack (Tom Holland), im Jahre 1923 eine weitere Expedition zur Suche nach der Stadt Z zu starten. Die beiden kehren nie wieder zurück.

Dass James Gray sich vorzüglich auf die Inszenierung historischer Stoffe, sprich: period pieces versteht, konnte er bereits mit seinem letzten Film „The Immigrant“ nachdrücklich unter Beweis stellen. Er entwickelte seither ein spezielles Faible für Zeitkolorit und dessen detaillierte Ausgestaltung, was „The Lost City Of Z“ zu einem aufreizend gemächlich fortschreitenden, visuellen Festmahl macht, das Herzogs nicht unähnlich konnotiertem Meisterwerk „Fitzcarraldo“ wohl die eine oder andere Inspiration verdankt.
Diesmal muss der Filmemacher (und somit auch sein willfähriges Publikum) allerdings auf die Mitwirkung des ansonsten bereits zum gray’schen Obligatorium avancierten Joaquin Phoenix verzichten; der Qualität von „The Lost City Of Z“ tut dies jedoch keinen Abbruch. Gray wirft sich diesmal also in die wirren Strudel authentischer Historie und nimmt sich den britischen Entdecker Percy Fawcett vor, eines besonders bewundernswerten Vertreters seiner Zunft. Fawcetts Reisen und deren Berichte beflügelten nicht nur die von Exotik und Xenophilie geprägten Träume des späten Empire, sondern zudem auch die zeitgenössischer Abenteuerliteraten wie Doyle und Haggard, die persönlich mit Fawcett befreundet waren. Als Soldat nahm Fawcett darüberhinaus nicht nur seine Expeditionen nach Übersee in seinen wohl beispiellosen Erfahrungsschatz auf, sondern auch mehrere Kriegseinsätze, darunter die Schlacht an der Somme. Eine Verfilmung seiner Biographie war somit gewissermaßen höchst überfällig. Gray setzt im Irland des Jahres 1905 an, als Fawcett, damals 38 Jahre alt, eigens für einen hochherrschaftlichen Besuchs des Erzherzogs Franz Ferdinand (Brian Matthews Murphy) einen kapitalen Hirsch erlegt, nur um dann von der adligen Gesellschaft geschnitten zu werden – seine uneheliche Herkunft legt ihm nahezu unüberbrückbare gesellschaftliche Steine in den Weg. Gray wähnt hierin eines der primären Motive für Fawcetts spätere Besessenheit als Entdecker – die Wiederherstellung seines guten Familiennamens. Später leidet seine Familie, insbesondere Sohn Jack, unter der fortwährenden Absenz des Vaters. Erst als Erwachsener begreift Jack die Unumstößlichkeit der väterlichen Träumereien zur Gänze und bereitet ihnen das schönste Zugeständnis, indem er den bereits resignierenden Senior zu einer gemeinsamen, finalen Südamerikareise bewegt. Ab 1925 gelten Vater und Sohn Fawcett als verschollen, diverse eilends geschaltete Rettungsexpeditionen scheitern. Und auch Grays Film, der wiederum auf einem investigativen Buch des Journalisten David Grann beruht, verweigert sich einer eindeutigen Erklärung. Er forciert jedoch Mutmaßungen, denen zufolge die beiden tatsächlich jener geheimnisvollen, versteckten Dschungelstadt zumindest ansichtig geworden sind, ja, vielleicht sogar sich dort niedergelassen haben. Fawcetts ewigem Traum von mythischer Erfüllung wäre eine solch märchenhafte Fügung mehr denn zu gönnen.

8/10

THE CORPSE

„Get your sister down here!“

The Corpse (Schmelztiegel des Grauens) ~ UK 1971
Directed By: Viktors Ritelis

Wie ein bourgeoiser Tyrann herrscht der aalglatte Unternehmer Walter Eastwood (Michael Gough)  über seine depressive Gattin Edith (Yvonne Mitchell) und die beiden Kinder, Sohn Rupert (Simon Gough) und Tochter Jane (Sharon Gurney). Während Rupert sich bereits zu einem Abbild seines alten Herrn entwickelt, nutzt die pubertierende Jane jede Gelegenheit, Eastwood Senior zu beklauen und zu hintergehen, was dieser nur mit immer noch härteren Strafen und Misshandlungen quittiert. Von Edith kommt eines Tages die dräuende Idee, Walter zu beseitigen. Nachdem sie gemeinsam mit der geneigten Jane den Plan tatsächlich erfolgreich durchgeführt hat – sie vergiften Walter während eines Wochenendtrips zum Landhaus der Familie – verschwindet die Leiche urplötzlich. Es dauert nicht lange, bis Walter wieder auftaucht. War alles nur ein Wunschtraum?

Man sollte nicht unbedingt denselben Fehler wie ich begehen und Viktors Ritelis‘ einziger Regiearbeit fürs Kino mit der Antizipationshaltung begegnen, ein weiteres, lustvolles Genrestück rund um Michael Gough als schmierigen Psychopathen beiwohnen zu dürfen. Damit wird man „The Corpse“ oder „Crucible Of Horror“, wie der Film wesentlich reißerischer in den USA getauft wurde (und was auch den wieder einmal völlig idiotischen deutschen Titel erklärt), nämlich in keinster Weise gerecht.
Tatsächlich handelt es sich hier vielmehr um ein beinahe intimes Familiendrama, wie es sich hinter gutbürgerlichen, englischen Kleinstadttüren so oder so ähnlich vielfach in jener Zeit abgespielt haben mag. Die Situation könnte konfliktbeladener nicht sein; der ultraversnobte Senior (Michael Gough in einer der stärksten Performances, die ich von ihm kenne, unterstützt von Sohn und Schwiegertochter, die im Film seine Kinder spielen) ist ein eiskalter, emotionsentledigter Blender, der ökonomischen Erfolg mit privatem Glück verwechselt und dabei als Familienvater kläglich versagt, seine Frau sublimiert ihre ausgewachsenen Depressionen als Gefangene im eigenen Haus und Gefangene der Nutzlosigkeit in der Malerei bizarrer Gemälde und Studien, die ihr Mann wiederum sarkastisch belächelt und kommentiert, der Junior, der dereinst die Firma erben wird, eifert dem Vater als maßstabsgetreues, wenngleich noch nicht ganz so versteinertes Abbild nach, die Tochter schließlich weiß nicht wohin mit ihrem rebellischen Potenzial. Sie bekommt zu wenig Geld, darf keinen Freund haben, nicht ausgehen und muss die sie umfassende Spießigkeit ertragen. Hinzu kommen Tätlichkeiten durch den Vater, der sie für ihre Aufsässigkeiten verprügelt und möglicherweise (der Film lässt das offen) noch Schlimmeres mit ihr anstellt. Generationen, Geschlechter, Klassensympathie – all das kollidiert im Hause Eastwood Tag für Tag. Die Entscheidung, Walter „verschwinden“ zu lassen, scheint angesichts der Hölle, die Edith und Jane durchleben müssen, mehr denn probat. Doch auch hierbei kommt es zu Problemen – die Leiche des mühselig zur Strecke Gebrachten verschwindet vorübergehend, ein neugieriger Nachbar (David Butler) scheint mehr zu wissen, als er sagt. Hier machen sich deutliche Anleihen an Clouzots „Les Diaboliques“ bemerkbar, zumal Walter bald wieder auf der Matte steht als sei nichts gewesen. Doch eine Verschwörung gibt es diesmal nicht; der Alte ist einfach wieder da und macht so weiter wie bisher. Und gerade hierin spiegelt sich die eigentliche, furchtbare Konsequenz des Films: Ein Entkommen aus diesem erzkonservativen Lebenslänglich ist unmöglich, Fluchtmaßnahmen sind illusorisch. Wesentlich hoffnungsloser kann man einen Film wie diesen kaum enden lassen.

8/10

IVANHOE

„Beware of powerful men! They spawn unspeakable whelps.“

Ivanhoe ~ UK 1997
Directed By: Stuart Orme

1192 ist England infolge von König Richards (Rory Edwards) Kreuzzug innenpolitisch stark geschwächt. Normannen und Angelsachsen stehen sich feindlich gegenüber und Richards Bruder John (Ralph Brown), der die Regierungsgeschäfte übernommen hat, weil Richard in Österreich festgesetzt wurde, findet vor allem infolge seiner intriganten Herrschsucht keine Akzeptanz im Volk. Der ebenfalls als verschollen geltende Wilfred von Ivanhoe (Steven Waddington), der Richard einst nach Jerusalem gefolgt ist, wurde von seinem halsstarrigen Vater, dem angelsächsischen Adligen Cedric (James Cosmo) verstoßen. Heimlich kehrt Sir Wilfred auf die Insel zurück, um sich von den Zuständen vor Ort ein Bild zu machen. Seine Jugendliebe Rowena (Victoria Smurfit) soll verheiratet werden und ein normannischer Tross rund um die Tempelritter Bois-Guilbert (Ciarán Hinds), de Bracy (Valentine Pelka) und Front de Boeuf (Nick Brimble) intrigiert heftigst gegen die Sachsen. Sir Wilfred macht die Bekanntschaft des jüdischen Financiers Issac von York (David Horovitch) und seiner Tochter Rebecca (Susan Lynch), die ihm wohlgesonnen sind. In cognito tritt er daraufhin bei einem Turnier an und besiegt sämtliche Gegner. Als sich daraufhin der Streit zwischen Sir Cedric und Bois-Guilbert weiter zuspitzt und es zu einer Entführung kommt, sichert sich Ivanhoe die Unterstützung des Gesetzlosen Robin von Locksley (Aden Gillett) und seiner Waldläufer und zieht gegen Bois-Guilbert ins Feld. Klammheimlich mischt sich auch der mittlerweile zurückgekehrte König Richard unter die Kämpfenden. Doch es erfolgt nur ein Teilsieg: Die ebenfalls gekidnappte Rebecca gerät in die Hände eines Templerordens, dessen fanatischer Anführer Lucas de Beaumanoir (Christopher Lee) ihr den Hexenprozess macht…

Diese sechsteilige Miniserie der BBC gilt gemeinhin als werkgetreueste Verfilmung der Rittermär nach Walter Scott und wirkt zumindest im Vergleich zur kunterbunten 1952er-MGM-Version von Richard Thorpe tatsächlich um Einiges authentischer und entschmachteter. Was nicht heißen soll, dass ich sie deswegen bevorzöge; Robert Taylor in glänzender Rüstung ist und bleibt ein kultureller Archetypus. An Taylors Flamboyanz jedenfalls kann Steven Waddington, der hier den Titelhelden mit wildem Krauskopf und Zauselbart wohl sehr viel zeitgemäßer erscheinen lässt, ganz gewiss nicht rütteln. Überhaupt bietet sich ein Vergleich der völlig unterschiedlichen Form wegen kaum an. Eines der erklärten Kreativziele des Regisseurs Stuart Orme dürfte es vielmehr gewesen sein, ein annähernd dokumentarisches Bild dieser für England schicksalhaften, mittelalterlichen Periode zu entwerfen: Das einst so stolze Land findet sich zerrüttet inmitten ethnischer Reibereien, von Glaubensirritationen und den intriganten Machtspielchen bei Hofe, die vor allem aus dem brüderlichen Zerwürfnis resultieren. Auch Themen wie Antisemitismus und präinquisitorischer Fanatismus halten Einzug in die Geschichte Sir Wilfreds, der trotz des Titels erfreulicherweise nicht die einzige figurale Zentralposition bekleidet. Auch die vielen anderen Charaktere, allen voran der Hauptantagonist Bois-Guilbert, der sich zu seiner eigenen Schande unsterblich in die Jüdin Rebecca verliebt und ihr gern alles opfern würde, am Ende aber dann doch zu obrigkeitsfürchtig ist für die letzte Konsequenz, werden exzellent porträtiert. Hier profitiert das – gefälligst am Stück genossene – rund dreihundert Minuten lange TV-Stück dann wiederum von seiner großzügigen Spielzeit, die ihm genau solche Feinheiten ermöglicht. Ansonsten bleibt die Inszenierung gediegen bis zurückhaltend und ausschließlich am funktionalen Fortlauf der Narration interessiert. So weit, so komfortabel.
Dringender Erneuerungsbedarf besteht allerdings hinsichtlich der deutschen Edierung von „Ivanhoe“: nicht nur, dass die Farben der DVD etwas zu verwaschen wirken, es wurde offenbar auch stark in den ursprünglichen Bildausschnitt hereingezoomt, was sich, wenn nicht ohnehin schon im Vorhinein, spätestens bei den Abspännen bemerkbar macht. Hier wäre der Veröffentlichung einer fehlerbereinigten (BD-)Auflage unbedingt zuzuraten.

8/10

THE GIRL WITH ALL THE GIFTS

„If I had a box of bad things I’d put you in it and close the lid.“

The Girl With All The Gifts ~ UK/USA 2016
Directed By: Colm McCarthy

Nachdem eine Zombie-Seuche die Welt weitgehend entvölkert hat, arbeiten überlebende Wissenschaftler, allen voran die ehrgeizige Dr. Caldwell (Glenn Close), fieberhaft daran, ein Gegenmittel zu finden. Dabei behilflich sind ihnen Kinder von vor der Niederkunft infizierten Müttern, die sie gefangen genommen und zu Untersuchungszwecken eingesperrt haben. Eines dieser Kinder ist die etwa zehnjährige Melanie (Sennia Nanua), ein sehr liebenswertes, überaus intelligentes Mädchen, das mit dem Makel leben muss, von einem tödlichen Fressinstinkt heimgesucht zu werden, sobald es lebendes Fleisch riecht. Melanie kennt nur die Abschottung ihres kargen Gefängnisses, ihre Kontakte sind die sie bewachenden Soldaten, die emotionale Lehrerin Helen (Gemma Arterton) und die sie rein als Objekt wahrnehmende Caldwell. Als die Forschungsbasis von den Zombies überrannt wird, kann ein kleine Gruppe fliehen, darunter Caldwell, Helen, der Soldat Parks (Paddy Considine) und Melanie. Während das Mädchen mehr und mehr das Vertrauen der Gruppe gewinnen kann, bleibt Caldwell ihr gegenüber skeptisch. Als sie in London auf die Ursache der Seuche stoßen, eine gewaltige Pflanze, die infiziöse Sporen absondert, findet Melanie ihre wahre Bestimmung.

Mit Zombie-Filmen, insbesondere mit den im Shutter-Modus flitzenden Wutzombies, wie sie einst Danny Boyle mit „28 Days Later“ eingeführt hat, ist das so eine Sache. Spätestens mit jener forcierten Kinetisierung hat der Zombie als mediale Sagengestalt den endgültigen Sprung ins Videospielzeitalter vollzogen und sich seither durch eine gewaltige Schwemme unterschiedlichster Subgenre-Variationen so dermaßen exponiert, dass der gesamte Topos bis in seine letzten Winkel ausgeleuchtet und so um jedwedes finale Geheimnis beraubt wurde. Der Zombie der Ära Romero, ehedem ein Symbol für garantiert nicht jugendfreies Nischenkino, ist nach seinen finalen Kulminationspunkten in den Neunzigern mit Jacksons „Braindead“ und Soavis „Dellamorte Dellamore“ längst zum familienkompatiblen Massenkulturgut avanciert, das sich selbst in TV-Serials großflächiger Beliebtheit erfreut, sogar bei Menschen, die in seinem Angesicht vor dreißig Jahren noch verächtlich die Mundwinkel verzogen hätten. Zombie darf heute jeder. Umso schwieriger scheint es angesichts dieses Exklusivitätsverlusts, dem Sujet noch interessante Seiten zu entlocken. Den ersten Domestizierungsversuch eines Zombies gab es bereits 1985 in „Day Of The Dead“, einem der Meisterwerke des just verstorbenen George A. Romero. Darin versuchte ein über seine ehrbaren Ambitionen hinaus durchgedrehter Wissenschaftler, einen gefangengenommenen Untoten zu rezivilisieren, verschaffte ihm sogar einen Namen („Bub“) und damit zugleich eine Persönlichkeit. Freilich forderten jene Anstrengungen gleich mehrere hohe Preise. Melanie in „The Girl With All The Gifts“ ist eine direkte Nachfahrin von Bub, wenn man so will, seine Enkeltochter. Als freundliches, kleines Mädchen mit einem gewaltigen Handicap ist sie die Vorbotin einer neuen Zombie-Generation, pränatal infiziert, vernunftbegabt, vor physischen Verfallserscheinungen geschützt, trägt sie die Fackel ihrer Spezies in eine neue Ära und dreht den unsäglichen Spieß, unter dem sie ihr bisheriges, kurzes Leben zu leiden hatte, schließlich im wahrsten Sinne des Wortes um. Dass dies in McCarthys Film nicht nur symbolisch geschieht, verschafft ihm einen zusätzlichen Wert, insbesondere auf der Subgenreebene. Und das ist heuer durchaus ein Verdienst.

8/10