THE GIRL WITH ALL THE GIFTS

„If I had a box of bad things I’d put you in it and close the lid.“

The Girl With All The Gifts ~ UK/USA 2016
Directed By: Colm McCarthy

Nachdem eine Zombie-Seuche die Welt weitgehend entvölkert hat, arbeiten überlebende Wissenschaftler, allen voran Dr. Caldwell (Glenn Close), fieberhaft daran, ein Gegenmittel zu finden. Dabei behilflich sind ihnen Kinder von vor der Niederkunft infizierten Müttern, die sie gefangennehmen und zu Untersuchungszwecken eingesperrt haben. Eines dieser Kinder ist die etwa zehnjährige Melanie (Sennia Nanua), ein sehr liebenswertes, überaus intelligentes Mädchen, das mit dem Makel leben muss, von einem tödlichen Fressinstinkt heimgesucht zu werden, sobald es lebendes Fleisch riecht. Melanie kennt nur die Abschottung ihres kargen Gefängnisses, ihre Kontakte sind die sie bewachenden Soldaten, die emotionale Lehrerin Helen (Gemma Arterton) und die sie rein als Objekt wahrnehmende Caldwell. Als die Forschungsbasis von den Zombies überrannt wird, kann ein kleine Gruppe fliehen, darunter Caldwell, Helen, der Soldat Parks (Paddy Considine) und Melanie. Während das Mädchen mehr und mehr das Vertrauen der Gruppe gewinnen kann, bleibt Caldwell ihr gegenüber skeptisch. Als sie in London auf die Ursache der Seuche stoßen, eine gewaltige Pflanze, die infiziöse Sporen absondert, findet Melanie ihre wahre Bestimmung.

Mit Zombie-Filmen, insbesondere mit den im Shutter-Modus flitzenden Wutzombies, wie sie einst Danny Boyle mit „28 Days Later“ eingeführt hat, ist das so eine Sache. Spätestens mit jener forcierten Kinetisierung hat der Zombie als mediale Sagengestalt den endgültigen Sprung ins Videospielzeitalter vollzogen und sich seither durch eine gewaltige Schwemme unterschiedlichster Subgenre-Variationen so dermaßen exponiert, dass der gesamte Topos bis in seine letzten Winkel ausgeleuchtet und so um jedwedes finale Geheimnis beraubt wurde. Der Zombie der Ära Romero, ehedem ein Symbol für garantiert nicht jugendfreies Nischenkino, ist nach seinen finalen Kulminationspunkten in den Neunzigern mit Jacksons „Braindead“ und Soavis „Dellamorte Dellamore“ längst zum familienkompatiblen Massenkulturgut avanciert, das sich selbst in TV-Serials großflächiger Beliebtheit erfreut, sogar bei Menschen, die in seinem Angesicht vor dreißig Jahren noch verächtlich die Mundwinkel verzogen hätten. Zombie darf heute jeder. Umso schwieriger scheint es angesichts dieses Exklusivitätsverlusts, dem Sujet noch interessante Seiten zu entlocken. Den ersten Domestizierungsversuch eines Zombies gab es bereits 1985 in „Day Of The Dead“, einem der Meisterwerke des just verstorbenen George A. Romero. Darin versuchte ein über seine ehrbaren Ambitionen hinaus durchgedrehter Wissenschaftler, einen gefangengenommenen Untoten zu rezivilisieren, verschaffte ihm sogar einen Namen („Bub“) und damit zugleich eine Persönlichkeit. Freilich forderten jene Anstrengungen gleich mehrere hohe Preise. Melanie in „The Girl With All The Gifts“ ist eine direkte Nachfahrin von Bub, wenn man so will, seine Enkeltochter. Als freundliches, kleines Mädchen mit einem gewaltigen Handicap ist sie die Vorbotin einer neuen Zombie-Generation, pränatal infiziert, vernunftbegabt, vor physischen Verfallserscheinungen geschützt, trägt sie die Fackel ihrer Spezies in eine neue Ära und dreht den unsäglichen Spieß, unter dem sie ihr bisheriges, kurzes Leben zu leiden hatte, schließlich im wahrsten Sinne des Wortes um. Dass dies in McCarthys Film nicht nur symbolisch geschieht, verschafft ihm einen zusätzlichen Wert, insbesondere auf der Subgenreebene. Und das ist heuer durchaus ein Verdienst.

8/10

HOBSON’S CHOICE

„Young man, don’t abuse a noble word!“

Hobson’s Choice (Der Herr im Haus bin ich) ~ UK 1954
Directed By: David Lean

Der dem Alkohol zugetane Witwer Henry Hobson (Charles Laughton) besitzt ein angesehenes Schuhmachergeschäft im viktorianischen Salford. Um seinen Laden muss er sich nicht kümmern, dafür sorgen neben den beiden jüngeren Töchtern (Daphne Anderson, Prunella Scales) vor allem die älteste, Maggie (Brenda De Banzie), und sein Angestellter William Mossop (John Mills). Während Hobson sich in geselliger Gasthausrunde gern über Maggies Altjüngferlichkeit mokiert, hat diese ganz eigene Pläne: Sie überredet den konfusen Mossop, sie zur Frau zu nehmen und eine eigenes Geschäft zu eröffnen. Der keifende Hobson merkt bald, dass er ohne die Unterstützung von Tochter und Schwiegersohn aufgeschmissen ist und macht sie zähneknirschend zu gleichberechtigten Partnern.

Ein ganz offensichtlich speziell für seinen Hauptdarsteller transponiertes Zeitporträt, das Laughton als alternden Säufer in einer seiner schönsten Rollen überhaupt zeigt. Als grantelnder, arroganter und höchst uneinsichtiger Patriarch, der in ein Fettnäpfchen nach dem anderen tritt, hat er etliche Gelegenheiten, die volle Bandbreite seines großen Könnens zu demonstrieren, während Lean, noch in der Vorphase seiner fünf großen historischen Epen ab 1957, einen intimen Einblick in die Ära um 1880 gewährt, in der die englischen Kleinpatrizier sich einer spezifischen Sozialkaste ähnlich wähnen; die älteren Herren nutzen jede freie Minute für ein Stammtischtreffen im benachbarten Inn – und freie Minuten gibt es reichlich. Berauscht von Schnaps und Bier schwadroniert man in trauter Privatsphäre über das Alltagsgeschehen im Viertel, wobei Hobson, der als Witwer glücklich ist, ohne Konsequenzen saufen zu können und sich auf das Glück seiner treuen Belegschaft stützt, die größte Klappe von allen an den Tag legt. Ebensowenig wie der Zuschauer rechnet auch er mit der Entschlossenheit seiner Ältesten, die nach offensichtlich reiflicher Planung die Reißleine zieht und ihr Leben, ein wenig vielleicht im Sinne der Suffragetten-Bewegung, selbst in die Hand nimmt. Dazu gehören einige durchaus anstrengende Maßnahmen: Der unkultivierte, tropfhafte Geselle Mossop will eingenordet und geehelicht, das Grundkapital für ein eigenes Geschäft aufgetrieben, das Ladenlokal ausgestattet werden. Der Titel von Stück und Film, „Hobson’s Choice“ bezieht sich also mitnichten auf eine Entscheidung des versoffenen Haustyrannen, sondern auf die seiner Tochter Maggie zum Auf- und Ausbruch.

9/10

CAPTAIN KIDD

„I accuse this man of piracy and murder!“ – „Was ever a gentleman that misfortunate?“

Captain Kidd (Unter schwarzer Flagge) ~ USA 1945
Directed By: Rowland V. Lee

England, 1699. Der feiste Piratenkapitän William Kidd (Charles Laughton) kehrt, nachdem er im Indischen Ozean eine Galeone gekapert und die Beute vergraben hat, nach London zurück, um dem Monarchen William III (Henry Daniell) das Unschuldslämmchen vorzuspielen und sich ein offizielles Kommando im Namen der Krone zu ergaunern. Für Kidd, der sich während der kommenden Reise nach Madagaskar, von wo aus er das Diplomatenschiff „Quedagh Merchant“ zurück eskortieren soll, seiner früheren Genossen zu entledigen plant, läuft zunächst alles nach Plan. Doch unter den angeheuerten Galgenstricken findet sich auch ein geheimnisvoller, junger Mann namens Adam Mercy (Randolph Scott), der ganz eigene Ziele zu verfolgen scheint…

Mit den großen Piratenfilmen von Warner und MGM hält diese kleine, von Rowland V. Lee inszenierte Produktion nicht ganz Schritt, zumal es sich auch im Nachhinein noch ungewöhnlich ausnimmt, dass das Werk nach seinem Bösewicht benannt ist, der vom Script zudem deutlich prominenter behandelt wird als der vergleichsweise blasse Held. Randolph Scott, der üblicherweise nicht umsonst dutzende Male auf den wortkargen, seelengequälten Westerner besetzt wurde, fehlen tatsächlich die gebotene Flamboyanz und der Glamour eines Tyrone Power oder Errol Flynn, um es mit einem darstellerischen Kaliber vom Schlage des zwischen wohlfeiler Ironie und Diabolik changierendem Charles Laughtons aufnehmen zu können. Mit genießerischer Boshaftigkeit führt er als historisch höchst unakkurater Captain Kidd seine Todesbuch wie eine intime To-do-Liste, wobei er immer wieder genüsslich alte Namen durchstreicht und neue hinzuträgt. Große Kaper- und Fechtszenen bleiben indes eher Mangelgut, obschon Laughton trotz seiner etwas benachteiligten Physis ein paar eindrucksvolle Finten vollführen darf.
Insgesamt ein durchaus spaßiges, kleines Genrestück, das als Pausenfüller zwischen zwei Flynns durchaus amtlich reinläuft.

7/10

QUEEN KONG

„Do you think this has some underlying meaning or symbolism or social significance?“

Queen Kong (Die tollen Abenteuer der Queen Kong) ~ UK 1976
Directed By: Frank Agrama

Die kesse Filmemacherin Luce Habit (Rula Lenska) sucht für ihr nächstes Projekt zum Ersten einen kernigen männlichen Star und hat sich zum Zweiten die geheimnisvolle Insel „Lazanga Where They Do The Konga“ als Drehort ausgesucht, auf dem die Eingeborenen der Riesenäffin Queen Kong huldigen. Ihren Auserwählten findet Luce in dem Londoner Kleingauner Ray Fay (Robin Askwith), der sie eher unfreiwillig Richtung Afrika begleitet. Nach einigen Inselabenteuern nimmt man Queen Kong dann mit in die englische Metropole, wo sie flugs zum Star der Feminismusbewegung auserkoren wird.

Wollte ich schon lang einmal gesehen haben und bin nun froh, endlich auch hier ein Häkchen setzen zu können. Frank Agramas als „King Kong“-Parodie verkleidete Gaga-Komödie sucht ihre Wurzeln im britischen Anarchohumor jener Jahre, garniert vielleicht mit ein bisschen Zuwendung an Mel Brooks, jedoch vollkommen ohne dessen Gespür für liebevolle Parodismen oder auch sonst jedwede Art von Stil. Stattdessen bewegt sich der in ausnahmslos jeder Beziehung gammlige „Queen Kong“ in den flauen Gewässern des unwitzigen Nonsens und versagt bei seinen hochfrequenten Versuchen, komisch zu sein, so dermaßen, dass es körperlich wehtut. Robin Askwith, der mit seinem ausgeprägten Kieferbau in jungen Jahren exakt dieselbe Physiognomie aufwies wie Oliver Kahn und der seinerzeit als vielversprechender sonnyboy der aufstrebenden Comedy-Szene galt, sollte man sich bevorzugt in „Horror Hospital“ geben, der seinen „Qualitäten“ deutlich gerechter wurde.
Dies hier ist nichts weiter als lupenreiner, englischer Stinkkäse.

2/10

HIGH-RISE

„I don’t work for you, I work for the building!“

High-Rise ~ UK/BE 2015
Directed By: Ben Wheatley

Robert Laing (Tom Hiddleston), Arzt von Beruf, zieht in einen von dem exzentrischen Stararchitekten Anthony Royal (Jeremy Irons) erbauten Hochhauskomplex in der Londoner Hafengegend. Während um ihn herum noch weitere von den massigen Gebäude-Ungetümen entstehen, lernt Laing einige seiner Mitbewohner kennen. In dem seinen Mietern jedwede Art von Komfort bietenden und auf völlige Autarkie hin ausgerichteten Haus gibt es eine strenge hierarchische Ordnung: In den unteren Etagen wohnen gewöhnliche Angestellte mit mehrköpfigen Familien, in den mittleren Alleinstehende und Ehepaare mit höherem sozialen Status wie Laing selbst und in den oberen Prominente und Snobs, die sich gern bei exaltierten Exklusiv-Partys amüsieren. Die luxuriöse Dachetage ist Royal selbst vorbehalten. Als es Probleme mit der Müllentsorgung gibt und zu Stromausfällen kommt, beginnen sich die Fronten zu verhärten und es kommt zu gewalttätigen Übergriffen unter den einzelnen Etagen, die schließlich in offener Anarchie kulminieren.

Diese scharfe, auf einem Roman von J.G. Ballard basierende Sozialsatire weist trotz ihres dystopischen Charakters klare Gegenwartsbezüge auf: Um die Mitte der siebziger Jahre, der Erstveröffentlichungszeit von Ballards grotesker Allegorie, bildete sich in diversen europäischen Metropolen die postmoderene Tendenz, nach architektonischer Höhe zu streben. Die grassierende Angst vor zunehmender Bevölkerungsexplosion veranlassten Stararchitekten wie Hans Schwippert und Le Corbusier zu funktionalistischem Umdenken; möglichst viele Wohneinheiten auf möglichst wenig Raum waren plötzlich Trumpf und Chic, freilich nicht ohne den Bewohnern die nachhaltige Illusion von Exklusivität und Luxus zu verleihen, um vor allem wohlhabende Mieter und Käufer anzulocken. Ballard spitzte dieses Konzept zu, indem er sein Gebäude als Spiegel der urbanen sozialen Klassen und darüber hinaus noch als Symbol für freudsche Metapsychologie formulierte, das man im „besten“ Fall überhaupt nicht mehr zu verlassen brauchte. Immerhin bietet das Hochhaus nicht nur Wohnkomfort, sondern auch Einkaufsmöglichkeiten sowie etliche Optionen zu Freizeitgestaltung und Sport. Über allem thront der Ersinner des an sich utopisch-idealistisch gemeinten Sozialexperiments wie sein höchsteigener Autokrat wider Willen: Anthony Royal, dessen frustrierte Gattin (Keely Hawes) gern mit ihrem Pferd durch den Penthouse-Park galoppiert. Dass die explosive Grundstimmung – die in der Tiefe lebenden Familien leiden mehr und mehr unter Müllbergen, Netzstörungen und vor allem Frust gegenüber der Champagner saufenden, moralentfesselten Dekadenz diverse Etagen über ihnen – sich bald entlädt, ist da keine minder erwartbare, historisch vorbelastete Reaktion.
Ich musste in Anbetracht dieses auch formal vollendeten Fait-accompli (das tatsächlich den offensichtlichen Fehler ausspart, sein Sujet ins Heute zu transponieren, sondern in Ballards Zeit verbleibt) wohl nicht von ungefähr an David Cronenbergs „Shivers“ denken, der ganz offensichtlich von Ballards Ideen beeinflusst war, dem Publikum mit den Parasiten jedoch einen handfesten Anlass für die sich ausdehnenden Ausschweifungen feilbot, damit die Metaebene des Romans verließ und zu Genrezwecken konkretisierte. Dass Cronenberg rund zwanzig Jahre später mit „Crash“ nominell eine eigene Ballard-Adaption vom Stapel ließ, kam somit einem Kreisschluss gleich. Doch Ballard hin, Cronenberg her: Ben Wheatley ist mit „High-Rise“ ein Meisterwerk und vielleicht der Film 2015 geglückt. Muss unbedingt bald „A Field In England“ nachlegen.

10/10

BEAU BRUMMELL

„A proud man can be just as foolish as a fool.“

Beau Brummell ~ UK/USA 1954
Directed By: Curtis Bernhardt

England zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Nachdem George „Beau“ Brummell (Stewart Granger) wegen einer eher eitlen Zurechtweisung des Thronfolgers George IV. (Peter Ustinov) aus dem Husarendienst scheidet, entschließt er sich, trotz seiner nichtadligen Herkunft die private Sympathie des designierten Monarchen zu erwerben und sich so in höchste gesellschaftliche Kreise einzuschmeicheln. Tatsächlich entwickelt sich zwischen den beiden ungleichen Männern eine innige Freundschaft, die jedoch später wieder an ihrem jeweiligen Dickkopf zerbricht. Auch Brummells große Liebe Lady Patricia Belham (Elizabeth Taylor) heiratet standesgemäß einen Anderen (James Donald). Hoch verschuldet, mittellos und allein fristet Brummell schließlich seine letzten Lebensjahre in Le Havre. Am Vorabend seines Todes durch Tuberkulose besucht ihn der mittlerweile zum König ernannte George IV. durch Zufall ein letztes Mal und schließt Frieden mit ihm.

Der Dandy – gibt es den eigentlich noch? Oder ist diese exklusiv männliche Ausprägung mittlerweile endgültig von uninteressanteren Neuströmungen wie dem „Hipster“ abgelöst und dem Tode überantwortet worden? Aber solcherlei zu diskutieren ist ohnehin nicht an mir. Als einer der ersten genuinen Dandys jedenfalls galt der Brite George Byron Brummell, Sohn eines Mittelklasse-Politikers, dessen exaltierte Bedürfnisse nicht mit seinem gebürtigen Stande vereinbar waren. Brummel pflegte nach eigenen Angaben allein für das Ankleiden täglich fünf Stunden aufzuwenden, seine Stiefel mit Champagner zu polieren und festgefahrene Modetrends zu lösen. Um solche Exzentrismen schert sich Bernhardts Film freilich weniger; sie passten auch kaum zu einem farbigen MGM-Kostümfilm jener Tage, der sich mit gänzlich anderen Publikumsewartungen zu arrangieren hatte – ganz im Gensatz zu Stewart Granger. Nach dessen überaus sauberem Karrierestart im Herkunftsland Königreich, das ihn vorzugsweise in Gainsborough-Produktionen verarbeitete, ließ er sich infolge des Quatermain-Films „King Solomon’s Mines“ 1950 von dem Löwenstudio unter Vertrag nehmen und trat in siebzehn Filmen der MGM auf. Bei diesen handelte es sich vornehmlich um farbenprächtige Genreware, Abenteuerfilme, Western, Geschichtsträchtiges und swashbucklers. „Beau Brummell“ setzte indes eher auf Grangers Charisma und Schauspielkunst denn auf Aktion oder Kinetik; mit Peter Ustinov erhielt der gebürtige Londoner hier zudem einen monolithischen Antagonisten, an dem er sich durchaus profilträchtig reiben und messen konnte. So ist „Beau Brummell“, gewissermaßen seinem Titelhelden entsprechend, vor allem ein ästhetischer Genuss, auf sein Zeitkolorit, ausgefeilte Kostüme und natürlich seine vorzügliche Darstellerriege setzend. Und diesbezüglich macht er das Meiste, wenn nicht gar alles richtig, obschon das Ende freilich historischer Unsinn ist. Immerhin starb der echte Brummel erst zehn Jahre nach George IV. und konnte somit vor seinem Dahinsiechen gewiss keinen versöhnlichen Besuch seines früheren Freundes mehr empfangen. Zumindest, wenn man nicht von einer eher fernliegenden, präfinalen Phantasie des Schwindsüchtigen ausgehen will.

8/10

TROG

„Trog! Give me the ball!“

Trog (Das Ungeheuer) ~ UK 1970
Directed By: Freddie Francis

Bei der Erforschung einer unterirdischen Höhle stoßen drei junge Wissenschaftler (David Griffin, John Hamill, Geoffrey Case) auf einen Steinzeitmenschen (Joe Cornelius), der vor lauter Angst erstmal einen von ihnen erschlägt. Für die Anthropologin Dr. Brockton (Joan Crawford) ein gefundenes Fressen, erhofft sie sich doch, in dem auf wundersame Weise die Jahrtausende überdauertem Wesen das fehlende Glied in der Entwicklung zwischen Affe und Mensch gefunden zu haben. Sie kerkert „Trog“, wie sie den Höhlenmenschen kurz und sinnig tauft, in ihrem Labor ein und bringt ihm als Erstes bei, Kinderspielzeug aufzuziehen. Ganz und gar nicht lustig findet der Bauunternehmer und Kreationist Sam Murdock (Michael Gough) die jüngste Entwicklung und setzt alles daran, die „dämonische Kreatur“ erschießen zu lassen. Als Murdock schließlich selbst mit der Brechstange loszieht, bricht Trog aus und zieht eine blutige Spur hinter sich her…

„Trog“ gliedert sich ziemlich vortrefflich ein in die unikale Welle jener Brithorror-Filme, die nach dem sukzessiven Einbrechen der vormaligen Erfolge von Hammer und Amicus weg vom kostümbewährten, periodischen und hin zum modernen Grusel strebten; in denen eher die swingende Gegenwart ins Zentrum rückte und die vor allem heißestens mit glühendem camp liebzuäugeln pflegten. Allein die Verpflichtung Joan Crawfords, jener berüchtigten grande dame Hollywoods, die zuletzt bereits mehrfach in Gattungsfilmen, darunter einigen ausgewiesenen hag horrors aufgetreten war, spricht Bände. „Trog“ bildete ihr letztes Film-Engagement und noch immer scheint bezeichnend, wie sehr sich die alternde Diva um ein möglichst frisches Aussehen und den perfekten Sitz von Frisur und Kleidung gesorgt haben muss. Was man hat, weiß man ferner infolge Michael Goughs Beteiligung – ein weiterer elementarer Name der englischen Genre-Historie. Wie zumeist sonst  ist er auch hier als sadistischer Fiesling zu sehen, der den Troglodyten nur deshalb abgrundtief hasst, weil er eben da ist und schließlich mit einer Eisenstange auf ihn los geht. Nicht nur geht diese Attacke zu Goughs äußersten Ungunsten aus, er bringt Trog dadurch auch noch so sehr in Rage, dass er gleich noch ein paar mehr Leute erledigt, die seinen Weg durch das beschauliche Kleinstädtchen in Berkshire kreuzen.
Überhaupt nimmt sich stark an „King Kong“ orientierte Story [statt Fay Wray klaut das Monster gegen Ende ein formatgerechteres, kleines, blondes Mädchen (Chloe Franks)] ziemlich ominös aus: Zwar haut der (recht mittelmäßig maskierte) Höhlenmensch jeden rigoros kaputt, der ihm blöd kommt, andererseits versucht der Film mit der Crawford als stolzer Agentin unentwegt, Akzeptanz und Sympathie für den ja bloß seinen Instinkten gehorchenden Genossen zu evozieren. Dennoch berserkert Trog immer bunter, mit einem Opfer spielt er sogar „Leatherface in der Kühlkammer“. Man weiß am Ende gar nicht mehr, wohin denn nun. Eine völlig bananige Sequenz gewährt uns noch Einblick in Trogs visualisiertes, „evolutionäres Gedächtnis“, das ein paar aus Irwin Allens „The Animal World“ stammende Stop-Motion-Saurier zeigt, die erst gegeneinander kämpfen, um dann bei einem fetten Vulkanausbruch Hops zu gehen. Wie das zusammenpassen und was das überhaupt alles soll – die Frage aller Fragen. Als Schulfilm jedenfalls taugt „Trog“ eher weniger. Macht aber alles nix, denn hinreichend Vergnügen, Abwechslung, Spaß und Freude findet hier bei aller möglichen Verwirrung ein jeder, der sich für mindestens eines der oben aufgezählten Elemente erwärmt.

5/10