WHEN THE WIND BLOWS

„You see, the decisions made by the powers-that-be will get to us in the end.“

When The Wind Blows (Wenn der Wind weht) ~ UK 1986
Directed By: Jimmy T. Murakami

Das alte Ehepaar Jim und Hilda Bloggs lebt in der Provinz, ein paar Meilen von London entfernt. Als die politische Weltsituation eskaliert und sich ein Atomkrieg anbahnt, baut Jim eilends eine aus Holztüren und Kissenpolstern bestehende Schutzanlage im heimischen Wohnzimmer. Den nur wenig später erfolgenden Fall der Bombe überleben Jim und Hilda zwar, doch Haus und Land sind verwüstet und grau. Nach ein paar Tagen vergessen die Senioren, dass es eigentlich besser wäre, sich im Schutz des Verschlags aufzuhalten und gehen ins Freie. Nachdem sie mit dem Fallout niedergegangenes Regenwasser getrunken haben, kommt das Ende auch für sie rasch und unglamourös.

In meinem Eintrag zu dem höchst ungemütlichen „Threads“ vor ein paar Monaten habe ich meine persönlichen Ängste vor dem nuklearen Holocaust, die mir als gewissermaßenem „Kind der Friedensbewegung“ unwiderruflich eingepflanzt sind, bereits zur Genüge auseinandergesetzt. Eine nicht unwesentliche Mitverantwortung für dieses „Trauma“ trägt auch Jimmy T. Murakamis Zeichentrickfilm „When The Wind Blows“, den die ARD nicht allzu lange nach seinem Kinoeinsatz im November 86 in ihrem Nachmittagsprogramm ausstrahlte. Der Film zeigt in oft hochpoetischen Bildern und Dialogen die Folgen der totalen Vernichtung, heruntergebrochen allerdings auf ein intimes Zwei-Personen-Szenario. Jim und Hilda Bloggs, im Original gesprochen von John Mills und Peggy Ashcroft (in der deutschen Synchronfassung von den nicht minder erwähnenswerten Peter Schiff und Brigitte Mira) sind das, was man landläufig als „einfache Menschen“ bezeichnen mag; ein rüstiges Ehepaar, das weder mit Kosmopolitik noch mit der Komplexität des nach wie vor allgegenwärtigen Kalten Krieges etwas am Hut hat. Ihr kleines Glück leben die Bloggs wie viele Senioren zwischen Erinnerungen und dem, was das Leben ihnen hinterlassen hat – ein nettes, gepflegtes Häuschen in Sussex und das, was der zu bewältigende Alltag so mit sich bringt. Vielleicht werden sie langsam ein klein wenig senil, aber sie meistern ihren Existenzherbst mit Bravour und Erfahrung. Zudem haben sie sich, was viel mehr ist als andere von sich behaupten können. Der letzte, über vierzig Jahre zurückliegende Krieg ist ihnen noch lebhaft, vielleicht ein wenig verklärt in Erinnerung: der „Blitz“, Hitler, Churchill, Truman, die Luftschutzbunker, die eindeutige Trennung zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, schließlich der Sieg. Wer heute „am Drücker“ ist, wissen sie nicht so recht, außer, dass da irgendwo im kalten Russland ein ominöser „Chruschtschow“ den nervösen Finger auf dem Roten Knopf hat. Aber die Amis sind ja schon einmal zur Hilfe gekommen und sie werden gewiss auch nochmal den Weg über den Atlantik meistern. Dass nach dem Fall der Bombe nichts mehr da ist, nichts mehr funktioniert, nur noch Asche und Tod allgegenwärtig sind, begreifen die Bloggs im Grunde bis zu ihrem letzten Atemzug nicht zur Gänze – anders als der Zuschauer, der gequält das irrlichternde Sterben dieser beiden repräsentativen Normbürger bezeugen muss. Im formalen Gewand eines charmanten, zuweilen spartanisch anmutenden Animationsfilms, der von der oberflächlichen Perfektion einer Disney- oder Bluth-Produktion weit entfernt, aber dafür umso zweckdienlicher auftritt, erlebt er mit Jim und Hilda die Apokalypse und ihren impact im zeitraffernden Kleinformat: Lichtblitz, Feuersturm, megadeath, Staubwolke, Verdunkelung, Fallout, Strahlenkrankheit, Tod, und auch: der tragische Verlust, die fachgerechte Ausradierung jeden einzelnen Lebens im Angesicht der Vernichtung von Milliarden – alles in schlanken 85 Minuten und mit der feinen, britischen Galgenironie eines Sargnagels kredenzt. Mehr muss, mehr kann ein Film mit einer solch luziden, bedingungslos humanistischen Agenda nicht leisten.

10/10

MR. SARDONICUS

„I’m not a man who’s affectionate in the morning hours.“

Mr. Sardonicus (Der unheimliche Mr. Sardonicus) ~ USA 1961
Directed By: William Castle

London, 1880. Der renommierte Arzt Sir Robert Cargrave (Ronald Lewis) erhält einen Brief seiner früheren Geliebten Maude (Audrey Dalton), die mittlerweile verheiratet ist und im fernen Rumänien lebt. Darin bittet sie Robert, möglichst bald zu ihr zu reisen. Robert tut umgehend, wie ihm geheißen und trifft vor Ort auf Maudes Gatten, den mysteriösen Baron Sardonicus (Guy Rolfe). Dieser trägt eine Wachsmaske, weil sein Gesicht schwer entstellt ist und pflegt, wie Robert bald feststellt, mithilfe seines ihm treu ergebenen Faktotums Krull (Oskar Homolka) auch sonst höchst sonderbare Praktiken. So werden dem Hausmädchen (Lorna Hanson) allenthalben zu Sanktionszwecken Blutegel angesetzt oder hübsche junge Damen gegen Entgelt auf das Schloss des Barons eingeladen, um unter Todesängsten und Geschrei dessen Fratze präsentiert zu bekommen. Als Roberts homöopathische Heilmethode beim Baron keinen Erfolg zeigt, droht jener, Maude zu seinem grausligen Ebenbild zu machen, wenn Robert nicht eine neue, wesentlich risikoreichere Kur bei ihm probiere…

In „Mr. Sardonicus“, Castles bereits sechstem Horrorthriller binnen drei Jahren, geht der godfather of gimmicks mit willfähriger Unterstützung seines erstmals für ihn schreibenden Autoren Ray Russell (dessen ganz spezielles Steckenpferd physisch und/oder psychisch entstellte Wahnsinnige auf dem Weg ins Verderben bildeten) abermals in die campigen Vollen. Castles besondere Überraschung fürs Kinopublikum bestand diesmal darin, selbiges eine beim Einlass erhaltene Karte („punishment poll“) nutzen zu lassen, die dann kurz vorm Finale benutzt werden sollte, um über das Schicksal des Barons Sardonicus entscheiden zu lassen. Die beiden Alternativen standen dabei ganz in der Tradition antiker römischer Zirkusspiele und bestanden aus „thumb up“ für die Rettung des Barons und „thumb down“ für dessen Bestrafung. Castle, der bereits zu Beginn (auch das kennt man von ihm) höchstpersönlich ein etwas wirres Entrée liefert, in dem er etwas von leichenfleddernden Ghouls erzählt, erscheint also kurz vorm Showdown nochmals auf der Leinwand, um die Publikumsabstimmung anzuleiten. Natürlich fällt diese – a priori alternativlos – zu Ungunsten des Barons aus.
Abseits von diesem lustigen Varietéspaß erweist sich „Mr. Sardonicus“ als ein Konglomerat diverser klassischer respektive viktorianischer Schauermotive. Allen voran wäre das gewiss Bram Stokers „Dracula“, dessen Reise Jonathan Harkers zu einem diabolischen transsylvanischen Gastgeber auch hier die narrative Ausgangslage bildet. Doch auch Victor Hugos, dessen entstellter Protagonist Gwynplaine aus „L’Homme Qui Rit“ sich zumindest physiognomisch in der Person des Barons widerspiegelt und gewiss der Marquis De Sade bilden mehr oder minder eindeutige Vorbilder für den Titelcharakter. Obgleich dieser, wie sich herausstellen wird, eine halbwegs tragische origin vorweisen kann, die auf die monetäre Gier seiner unentwegt nörgelnden, ersten Ehefrau (Erika Peters) zurückzuführen ist und in der Folge zum Opfer seiner eigenen Psychopathologie wurde, gönnt man ihm sein abschließendes, stummes Schicksal. Er ist nämlich, das lernt der Rezipient mit einiger, konsequenter Gewissheit, im Laufe der Jahre zu einem dermaßenen Hundsfott avanciert, dass selbst die via Schocktherapie forcierte Begradigung seiner Gesichtsmuskulatur keinen Philanthropen mehr aus ihm machen wird. Ein paar erzählerische Unsinnigkeiten, nachlässige Charakterzeichnung (vor allem in Bezug auf die Person des einäugigen Hausdieners) sieht man dem Film gutherzig nach – denn man befindet sich ja bei Castle und der legte es bekanntermaßen selten darauf an, mit intellektueller Perfektion oder gar eherner Logik zu glänzen, sondern hatte ganz anders gelagerte Intentionen auf seiner künstlerischen Agenda.

7/10

HELLBOY

„I’d appreciate a prophecy with more relatable stakes.“

Hellboy (Hellboy – Call Of Darkness) ~ UK/USA/BG 2019
Directed By: Neil Marshall

Nachdem Hellboy (David Harbour) für das B.P.R.D. seinen Kollegen Esteban Ruiz (Mario de la Rosa) in Tijuana ausfindig  macht und dessen überraschend erneuerte Existenz als Vampir eher versehentlich beendet, schickt sein Vormund Professor Bruttenholm (Ian McShane) ihn nach England, um den lokalen Dämonenjäger-Club Osiris dabei zu unterstützen, ein paar menschenfressenden Riesen den Garaus zu machen. Doch erweist sich Hellboy als Hauptziel von Osiris, die ihn für den Vorboten des Weltuntergangs halten. Zeitgleich hilft nämlich ein alter Gegner des Höllenknaben, der Gruagach, der Superhexe Nimue (Milla Jovovich) bei ihrer Wiederauferstehung. Nimue plant bereits, sich mit Hellboy zu vermählen, um die Menschheit in Blut und Chaos zu stoßen. Von Nimue beeinflusst gerät dieser tatsächlich in Gewissenskonflikte ob seines infernalischen Erbes und findet zudem die Wahrheit über seine Herkunft heraus. In seinen zwei neuen Partnern, der mächtigen Hellseherin Alice Monaghan (Sasha Lane) und dem M11-Agenten Ben Daimio (Daniel Dae Kim), findet Hellboy tatkräftige Unterstützung auf seinem jüngsten Feldzug gegen das Böse.

Das „Hellboy“-Reboot von Neil Marshall erwies sich nicht nur als ein gnadenloser Box-Office-Flop, auch das Feuilleton und eingefleische Fans zeigen ihm beständig großflächig die Rote Karte. Vor allem im Vergleich zu Guillermo del Toros vormaliger, sehr beliebter Dilogie mit Ron Perlman äußert sich ein Höchstmaß an Verächtlichkeiten. Diese sind zumindest teilweise auch gewiss berechtigt. Waren „Hellboy“ und sein Sequel „The Golden Army“ nämlich noch hochbudgetierte, visuell reiche Comicfantasy-Märchen mit weitgehend familienfreundlicher Agenda, die vor allem dank der reichaltigen und lustvollen Kreativität del Toros ihr ganz eigenes Kinouniversum schufen, kann der 19er-„Hellboy“ nichts von alledem mehr einlösen. Die Neuauflage bietet stattdessen flottes, lautes Konsumkino für Videospieler und Splatterkids, ist vulgär, blutig und manchmal widerlich, genreverbunden und leider nur überaus mäßig getrickst. Die oftmals unfertig und wie vor zwanzig Jahren entstanden wirkenden CGI finden sich ergo nicht unberechtigterweise ebenso im Fadenkreuz der scharfen Kritik.
Von der vormaligen, eigenwilligen Poesie, von inszenatorischer Eleganz oder Charme finden sich bei Marshall nunmehr tatsächlich kaum mehr Spuren; nach einer neunjährigen Kinounterbrechung (mit Ausnahme eines Episodenfilm-Beitrags) geht der Engländer viel lieber in die Vollen und macht aus David Harbours Hellboy ein prolliges, Sprüche klopfendes Großmaul ohne die meisten der melancholischen Zwischentöne, die Ron Perlman noch seiner sehr viel nuancierteren Charakterisierung angedeihen ließ. Der neuere Film-Hellboy wirkt im Gegenzug sehr viel leichter, unbedarfter und kinetischer und holzt sich mit sehr viel mehr aktionistischer Chuzpe durch die Reihen seiner dämonischen Gegner.
Mit etwaiger feingeistiger Erwartungshaltung sollte man, so überhaupt das Bedürfnis aufkeimt, sich Marshalls zudem noch dramaturgisch brüchig wirkendem (auf vier jüngeren Hellboy-Comic-Storys basierendem) Höllenritt nicht gegenübertreten. Wer indes allerdings das poppigere Tongue-in-cheek-Potenzial der Figur basal zu schätzen weiß und sich vielleicht auch sonst in bestimmten Fällen (sprich: schludrigen Comic-Adaptionen wie etwa David Ayers atmosphärisch nicht allzu unähnlichem „Suicide Squad“) genügsam wähnt, der mag es einmal mit „Hellboy“ 19 probieren. Allen anderen bleibt ja der große Bogen.
Ich selbst darf fazitär immerhin freigemut zugeben, dass ich trotz mancher Kopfschüttelei insgesamt recht viel – obschon gewiss flüchtigen – Spaß mit ihm hatte und sogar gern eine Fortsetzung gesehen hätte. Von dieser kann man sich ja aber nun wohl bis auf Weiteres verabschieden.

6/10

TRIPLE CROSS

„I’d rather live for Germany than die for England.“

Triple Cross (Spion zwischen 2 Fronten) ~ UK/F/D 1966
Directed By: Terence Young

London, 1939. Der Safeknacker Eddie Chapman (Christopher Plummer) treibt mit seinen dreisten Coups die Polizei zur Verzweiflung. Als ihm die Lage vor Ort eines Tages doch zu heiß wird, setzt sich der Gentleman-Ganove und Filou auf der sonnigen Kanalinsel Jersey ab, wird dort jedoch entdeckt, verhaftet und vor Ort ins Gefängnis gesteckt. Bald darauf besetzen die Deutschen das Eiland, während Chapman noch immer in seiner Zelle darbt. Er entschließt sich, seine Fähigkeiten gewinnbringend zu nutzen und sich der Abwehr als Spion anzubieten. Unter dem in Nantes stationierten Offizier Baron von Grunen (Yul Brynner) erlernt Chapman im Folgenden diverse Fertigkeiten, um bald in Aktion treten zu können, stets wachsam beäugt von dem misstrauischen Oberst Steinhäger (Gert Fröbe) nebst dessen Schatten Leutnant Keller (Harry Meyen) und in eine Affäre mit der schönen Gräfin Lindström (Romy Schneider) verbandelt. Nachdem Chapman sich das weitgehende Vertrauen der Deutschen erschlichen hat, sieht sein erster Auftrag vor, die De-Havilland-Flugzeugwerke zu sabotieren. Kaum über England abgeworfen, sucht Chapman jedoch den Kontakt zum Geheimdienst und arbeitet fortan als Doppelagent.

Die Geschichte von Eddie Chapman, der sich Terence Young in seinem international renommiert besetzten Agentenfilm annahm, fußt auf tatsächlichen Ereignissen, obgleich sowohl diverse Ereignisse, wie es bei Biopics üblich ist, in stark gekürzten, vereinfachten, oder schlicht falschen Zusammenhängen wiedegegeben werden, als auch die Namen sämtlicher weiterer Beteiligter geändert wurden. Young lässt sich von dieser Historienklitterung wenig beeindrucken. Vielmehr verleiht er seinem Protagonisten den von ihm ja unlängst zuvor mitkreierten Nimbus eines James Bond, dem Christopher Plummer ein kongeniales Auftreten beschert. Sein Eddie Chapman wahrt in jeder noch so brenzligen Situation stets seine große Klappe, ist ein Hedonist und Opportunist par excellence und holt sich auch in prekärster Lage noch die attraktivsten Damen ins Bett. Man könnte ihn mit Fug und Recht als Kriegsgewinnler bezeichnen, denn Chapman verstand es, die katastrophale kosmopolitische Lage zu seinem Vorteil zu nutzen, indem er auf beiden Seiten Protektorat und Gönnerschaft erlangte, den Nazis dabei in Wahrheit stets eine lange Nase drehte und nach dem Krieg sogar eine komplette Löschung seines Vorstrafenregisters erwirkte. Der echte Eddie Chapman starb, nachdem er weiterhin so abenteuerlustig und luxuriös gelebt hatte, wie es seinem Wesen entsprach, 1997 im Alter von 83 Jahren.
„Triple Cross“ stellt ihn passend dazu als eine Art frechen Quasi-Eulenspiegel dar, der so gut wie nie die Contenance einbüßt, bis auf einen Moment, in dem er glaubt, der Gestapo in die Falle gegangen zu sein und in Kürze scharf verhört zu werden. Die Zyankalikapsel bereits im Mund, besinnt er sich in letzter Sekunde doch noch eines Besseren und wird dann als erster Nichtdeutscher mit dem Eisernen Kreuz geehrt.
Noch sehr viel interessanter nimmt sich allerdings das weitere Figuren- (und DarstellerInnen-) Inventar aus. Als für einen nicht-deutschsprachigen Film ungewohnt mehrdimensional, ja sogar sympathisch werden etwa die Offiziere Von Grunen und Steinhäger gezeichnet. Beide sind natürlich insgeheim scharfe Regimekritiker, die Nationalsozialismus und Führerkult gänzlich ablehnen. Von Grunen ist dabei der typisch-urpreußische Aristokrat mitsamt Monokel, der ein Hitler gänzlich abgehendes Bild des distinguierten Militariers präserviert, während Steinhäger als vormaliger Polizist zwar oberflächlich systemtreu, dabei aber doch relativ handzahm bleibt. Witzigerweise ist in zwei kurzen Szenen ausgerechnet Howard Vernon nebst Sonnenbrille als eherner Nazi zu sehen.
Romy Schneider und die als Résistance-Kämpferin auftretende Claudine Auger befinden sich hier beide auf dem Höhepunkt ihrer mirakulösen Schönheit und verleihen jedem Aufzug, in dem eine von ihnen zu sehen ist, einen höchst aparten Glanz.
Trotz seiner manchmal ausartenden Erzählzeit und einer selten konzisen Inszenierung, wo die Befleißigung derselben eigentlich notwendig gewesen wäre, habe ich „Triple Cross“ somit als eine weitgehend liebenswerte Veranstaltung wahrgenommen.

7/10

KIND HEARTS AND CORONETS

„After using the silken rope… never again be content with hemp.“

Kind Hearts And Coronets (Adel verpflichtet) ~ UK 1949
Directed By: Robert Hamer

Weil seine Mutter (Audrey Fildes) einst einen nicht standesgemäßen, italienischen Tenor (Dennis Price) geheiratet hatte, muss Louis Mazzini (Dennis Price), Spross der adligen D’Ascoyne-Sippe, erleben, dass sie, ebenso wie er selbst, von dem Rest der Familie, allen voran von dem altehrwürdigen Duke (Alec Guinness), verstoßen wurde. Nicht mal eine Grabstätte in der Familiengruft billigt man Louis‘ Mutter zu, obschon dies ihrem letzten Wunsch entsprochen hätte. Dass dem als kleinen Miederwarenverkäufer arbeitenden Louis zudem auch seine Jugendliebe Sibella (Joan Greenwood) entsagt, bringt den jungen Mann noch mehr in distinguierte Rage. Er beschließt, sich für die erlittene Schmach an sämtlichen noch lebenden Mitgliedern der D’Ascoynes zu rächen, indem er sie einen nach dem anderen ermordet…

Robert Hamers schwarze Komödie gilt als einer der besten und schönsten britischen Filme überhaupt und verzeichnet eine entsprechend große Zahl an Liebhabern – berechtigterweise, denn „Kind Hearts And Coronets“ kommt dem, was man als „perfekten Film“ zu bezeichnen geneigt ist, beträchtlich nahe. Bewundernswert elegant, konzentriert und voll von geistreichen AperçusParvenu berichtet Hamer Biographie und Werdegang des bereits zu Beginn der Geschichte in der Todeszelle sitzenden Louis Mazzini, gewandet in ein geschliffenes Memoiren-Voice-Over. Daran, dass Mazzini, der als Serienmörder eine stattliche Anzahl an Familienmitgliedern und Unbeteiligten mittels inszenierten Unfällen, Vergiftungen, Bombenattentaten und Erschießungen (zweimal kommt ihm der Zufall zur Hilfe) zu verzeichnen hat, in Kürze gerechtermaßen dem Scharfrichter (Miles Malleson) vorgeführt werden wird, hat der Zuschauer bereits nach dem ersten Akt keinen Zweifel mehr; dass er just für einen Tod, an dem er keine Schuld trägt und für den er lediglich infolge eifersüchtiger Intriganz verurteilt wurde, zieht einen aber dennoch auf seine Seite. Eine weitere brillante Geschicklichkeit: Price spielt Mazzini nämlich als einen überaus sympathischen, formvollendeten Gentleman voller noblesse oblige, dessen sich sukzessive steigernde Gier als Emporkömmling ein Widerhall des ihn seit Anbeginn seiner Geburt heimsuchenden Standesdünkels ist und somit zumindest in Ansätzen eine Art sozial gerechtfertigter Zorn. So sind die von ihm beseitigten, durch die Bank von Alec Guinness gespielten D’Ascoynes auf die eine oder andere Weise allesamt mehr oder weniger große Nervensägen und gewissermaßen von humanistischer Redundanz; eingebildete Filous, trinkende Pantoffelhelden, halbidiotische Geistliche, verkrachte Bonzen, radikale Suffragetten, eiserne Kommissköpfe oder schlicht arrogante Aristokraten finden sich darunter und der Tod jedes Einzelnen von ihnen markiert ein höchst vergnüglich inszeniertes Kabinnettstückchen. Wie bereits angedeutet, geht Hamer keineswegs so verlockend oberflächlich zu Werke, nicht auch seinem Protagonisten einen bitteren Spiegel vorzuhalten. Im Laufe seiner kriminellen Karriere entwickelt sich Mazzini selbst zu dem, was er zuvor so sehr verachtete – einem zynischen Snob und Parvenu, dem Geld und Stellung bald zumindest mit seiner vormaligen privaten Agenda gleichauf sind.
Ob er am Ende Engelchen oder Teufelchen wählt, die beide in einem Einspänner auf ihn warten, oder seine verschriftlichten Memoiren ihm doch noch den Strick drehen, überlässt „Kind Hearts And Coronets“ schließlich, ganz seiner übrigen Hellsichtigkeit entsprechend, der moralischen Sensitivität seines Publikums.

10/10

THE NIGHT DIGGER

„I need help!“

The Night Digger (Das Haus der Schatten) ~ UK 1971
Directed By: Alastair Reid

Die altjüngferliche Krankenschwester Maura (Patricia Neal) lebt gemeinsam mit ihrer blinden Adoptivmutter Edith Prince (Pamela Brown) in deren marodem Herrenhaus in der englischen Provinz nahe Coventry. Die einsame Maura ist es gewohnt, sich tagtäglich von der herrischen Alten drangsalieren zu lassen und trägt ihr Los mit leicht deprimierter Fassung. Dies ändert sich, als der Tagelöhner und Herumtreiber Billy Jarvis (Nicholas Clay) bei den beiden Frauen auftaucht: Während Maura zunächst widerwillig auf seine Anwesenheit reagiert, bietet Edith ihm sogleich eine Stellung als Hausmeister nebst Kost und Logis an. Nach und nach entdeckt Maura Sympathien für den geheimnisvollen, offenbar nicht ganz ehrlichen jungen Mann, die sich bald in aufrichtige Zuneigung verwandeln und sogar von Billy erwidert werden. Doch dieser hat ein furchtbares Geheimnis: Er ist ein schizoider Serienmörder, der bereits sieben Frauen auf dem Gewissen hat. Dennoch wittert Maura in Bezug auf Billy die letzte Chance, sich von Edith zu emanzipieren…

Angereichert mit einer feisten Portion finsteren, englischen Humors serviert dieser von Roald Dahl co-gescriptete Drama-/Thriller-Hybrid seine markige Drei-Personen-Geschichte, in deren Zentrum Patricia Neal als pflichtbewusste Frau steht, die sich in ein verhängnisvolles Abhängigkeitsverhältnis gebracht hat: Ihre Adoptivmutter Edith weiß um die devote Persönlichkeit der nicht mehr ganz taufrischen Maura, die bereits vor Jahren den Quasi-Frondienst in jenem riesigen, verlotterten Haus ihrem persönlichen Glück vorgezogen hat und seither mehr und mehr dahinwelkt. Ausgerechnet in der Person des geisteskranken Frauenmörders Billy offeriert sich Maura der letzte Ausweg, den übermächtigen Fängen der alten Edith zu entkommen und doch noch ein selbstbestimmtes Leben anzufangen – zwei gebrochene Seelen, die sich möglicherweise heilen können. „The Night Digger“ macht sich dabei den Kunstgriff zunutze, Billy trotz seiner mörderischen Persönlichkeitsspaltung zum Sympathieträger avancieren zu lassen. Wenn er nicht gerade in verantwortungslosem Zustand junge Frauen meuchelt, ist er ein netter, patenter, obschon nicht sonderlich gebildeter junger Mann, den man durchaus gern haben kann und dessen unglückliche Biographie seinen Hass auf gleichaltrige Damen immerhin erklärt. Selbst als Maura von Billys obsessiver Schattenseite erfährt, ist sie noch bereit, mit ihm fortzugehen – hier präsentiert sich ihr ein Mensch, der eine sogar noch vernarbtere Persönlichkeit beinhaltet als sie selbst und der im Gegensatz zu der undankbaren, bigotten Edith sogar wirklich ihrer Zuneigung und Unterstützung bedarf.
Alastair Reid fängt dieses psychologisch grandios untermauerte Kammerspiel in den typisch bleichen Farben des britischen Frühsiebzigerkinos ein, lässt aber trotz dieser Kargheit häufig an Hitchcock denken, von dessen bevorzugten Topoi sich in „The Night Digger“ einige wiederfinden, seien es die matriarchalische Bevormundung durch eine entsetzliche Mutterfigur, die dysfunktionale, sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte zweier Verlorener oder eben das Gewaltverbrechen als Zwangshandlung. Passend dazu kredenzt Bernard Herrmann eine Musik, die seinem Chef D‘Œuvre sicher nur allzu gut gemundet hätte.

8/10

THE BOUNTY

„It’s not a threat, it’s a warning.“

The Bounty ~ UK/USA/NZ 1984
Directed By: Roger Donaldson

London im Oktober 1790: Lieutenant Captain William Bligh (Anthony Hopkins) von der Royal Navy soll vor Gericht die Umstände um die Meuterei auf dem zuvor von ihm befehligten Kreuzers Bounty darlegen und infolgedessen die Frage seiner persönlichen Schuld an den Verkommnissen geklärt werden.
Drei Jahre zuvor bricht die Bounty von Portsmouth nach Tahiti auf, um von dort Brotfruchtschößlinge als billige Nahrungsmittelquelle für jamaikanische Sklaven mitzunehmen. Mit Ausnahme einer misslungen Umsegelung von Kap Hoorn und einigen wenigen Konflikten innerhalb der Besatzung und unter den Offizieren verläuft die Hinreise weitgehend unkompliziert. Vor Ort jedoch ändern sich bald die Verhältnisse. Diverse Mitglieder der Mannschaft gewöhnen sich rasch an das müßige Südseeleben und verfallen dem Charme der paradiesischen Insel und ihrer überaus freundlich gesonnenen Einwohner. Einige, darunter der von Bligh zum Ersten Offizier beförderte Fletcher Christian (Mel Gibson), heiraten sogar und träumen von einer Familiengründung. Der erste Versuch einer Desertation dreier Männer scheitert kläglich und das Trio wird hart bestraft. Bligh zieht schließlich die disziplinäre Reißleine und lässt Segel für die Rückkehr setzen. Die Fronten an Bord beginnen sich nunmehr rasch zu verhärten: Blighs Versuche, die Besatzung mit straffer, manchmal überharter Autorität auf andere Gedanken zu bringen, beantwortet diese nur mit noch mehr Aggression. Als Bligh eine erneute Umsegelung der südamerikanischen Spitze plant, lässt sich Christian zur Meuterei überreden. Er übernimmt das Kommando, setzt Bligh und seine verbliebenen Gefolgsleute auf hoher See aus und segelt zurück nach Tahiti, um die Frauen der Männer und einige freiwillige Begleiter an Bord zu nehmen. Gemeinsam erreicht man die Pitcairn-Inseln, versenkt die Bounty und versteckt sich dort vor möglichen Verfolgern.

Roger Donaldsons fünfte und bis dato letzte Verfilmung der Ereignisse um die berühmteste Meuterei der Seefahrtsgeschichte rühmt sich des nicht unbeträchtlichen Vorteils, die historisch vermutlich akkurateste Adaption der Geschehnisse zu liefern. Anders als in beiden, filmgeschichtlich wiederum wesentlich anerkannteren und berühmteren Versionen von 1935 und 1962 werden hier vor allem die Beziehung der beiden Antagonisten Bligh und Christian zueinander, sowie deren jeweilige psychologische Disposition und Handlungsmotivation wesentlich nachvollziehbarer und unaufgeregter dargelegt. Vor allem die Person Blighs, die hier zum narrativen Dreh- und Angelpunkt erhoben wird, erfährt eine im Vergleich zu den früheren Interpretationen deutliche Erdung. Stellten Trevor Howard und vor allem Charles Laughton ihren Bligh noch als einen zum Diabolischen tendierenden, unerbittlichen Despoten dar, dessen permanter Hang zur Ahndung und Bestrafung oftmals nicht auf genuines Seerecht, sondern lediglich seinen Hang zum Sadismus und/oder seinen profilneurotisches Wesen zurückzuführen ist, liefert Hopkins ein differenzierteres Bild. Sein Bligh, ein pflichtbewusster Offizier, macht gar keinen Hehl daraus, mit dem Ruhm und der gesellöschaftlichen Anziehungskraft zu liebäöugeln, den sein Freund, der aus aristokratischen Verhältnissen stammende Dandy und Salonlöwe Fletcher Christian längst genießt. Bligh räumt ein, dass gleich sein erster versuchter nautischer Heldenakt, die Umrundung Kap Hoorns, zu einem selbstgerechten Fehlschlag wird und besitzt später sogar noch soviel personellen Weitblick, seinen ursprünglichen Ersten Offizier Fryer (Daniel Day-Lewis), einen kriecherischen Schinder, zu Christians Gunsten zu degradieren. Später sind es dann weniger Blighs verzweifelte Versuche, seine dem der Krone so diametral gegenüberstehenden Südeseeflair verfallenen Männer zur Räson zu bringen, denn deren persönliche Gelüste, die das Fass zum Überlaufen bringen – das Resultat eines sich beidseitig gleichermaßen hochschaukelnden und schließlich dramatisch eskalierenden Gesinnungskonflikts. Obgleich Mel Gibson den romantischen Helden eine sehr passable und authentische Gestalt verleiht, ist er vermutlich der im rein figuralen Sinne blasseste Fletcher Christian von allen. Ohne den moralisch gerechten, rebellischen Gestus Clark Gables und ohne die hochmütige Arroganz Marlon Brandos, die dieser ja bekanntlich am (historisch verfälschten) Ende mit dem Flammentod zu bezahlen hat, ist sein Heros ein allzu emotionaler, verliebter Mann, dessen innerer Widerstreit um berufliche Pflichterfüllung und persönliches Gut schließlich zu letzterem him ausschlägt. Eine eindeutigen Trennung in „Gut und Böse“ enthält sich „The Bounty“ somit ganz bewusst bezieht daraus seine klare Zielsetzung.
Andererseits mangelt es ihm im Gegenzug an der filmischen Flamboyanz seiner Vorgänger, dem aufgeheizten Abenteuerduktus Frank Lloyds und der epischen, bunten Breite Lewis Milestones. Donaldsons Fassung ist daher sehr viel weniger ein klassischer Hollywood-Film denn ein primär um realistische Akkuratesse bemühter Abriss, wie er eben auch sehr viel treffender seiner Entstehungszeit reflektiert; ein nichtsdestotrotz schöner, reicher Film, der das Können aller an ihm Beteiligten erschöpfend präserviert.

8/10