BOB ROBERTS

„The times they are a-changin‘ back.“

Bob Roberts ~ USA 1992
Directed By: Tim Robbins

1990 startet Bob Roberts (Tim Robbins) seinen Wahlkampf für die Republikaner um den Senatorenposten von Pennsylvania, wobei ihn ein Dokumentarist (Brian Murray) mit der Kamera begleitet. Aus mittleren Verhältnissen stammend, parallelisiert Roberts seine politische Karriere mit der als Country- und Folksänger, was ihm gesteigerte Sympathien bei den potenziellen Wählern einbringt und deutlich attraktiver dastehen lässt als seinen liberalen Gegenkandidaten Brickley Paiste (Gore Vidal). Dabei ist Roberts‘ politische Agenda so klar wie einfach strukturiert: Er wettert gegen parasitäres Schmarotzertum und Drogenmissbrauch, plädiert dafür, das Staatsbudget statt ihn Sozialprogramme lieber in den Ausbau des Militärs zu investieren, lobpreist US-Interventionen in Übersee wie gerade jetzt am Golf und bekundet seine uneingeschränkte Liebe zu konservativen Werten wie Gott, Kirche und Familie. Doch immer wieder kreuzt ein unangenehmer Störenfried auf, ein Journalist namens Bugs Raplin (Giancarlo Esposito), der Roberts und seinem Mentor Lukas Hart (Alan Rickman) Veruntreuung von Spendenfonds und die Verwicklung in Kokaingeschäfte mit Lateinamerika nachweisen will. Schließlich inszeniert Roberts ein Attentat auf seine Person, das ihn vermeintlich in den Rollstuhl zwingt und zum Märtyrer befördert. Raplin wird von einem Fanatiker erschossen und Roberts gewinnt die Wahl zum Senator, was ihm womöglich auch den Weg ins Weiße Haus ebnet.

Trotz seiner bereits 23 Jahre zurückliegenden Entstehung gerade jetzt der Film zur Zeit, erschreckend aktuell und im Grunde bildendes Pflichtprogramm nicht nur für jeden US-, sondern auch für jeden deutschen Bürger im wahlberechtigten Alter. In einer Ära wie unserer, die brandgefährlichen Demagogen, Populisten und Rechtsradikalen wie Lutz Bachmann oder Björn Höcke nachgerade unsägliche Exponierungsmöglichkeiten bietet, sollte entlarvende Satire wie diese in inflationärem Maße durch die Massenmedien schwappen. Bob Roberts, das ist der personifizierte Politalbtraum, aufgebaut, heroisiert und gestützt von einem vielleicht sogar noch diabolischer strukturierten Stab im Rücken. Als Militarist, Kapitalist, Christ und Beschwörer darwinistischer Allerweltsformeln wird Roberts zum geschickten Bauernfänger. Er plagiiert gnadenlos offensichtlich Folklegenden wie Bob Dylan und verkehrt deren Verdienste für Freiheit und Aufklärung ins Gegenteil, indem er sie einfach für seine Zwecke diametralisiert und missbraucht. Die 68er, die Bürgerrechtsbewegung, Studentenproteste, Feministen, Friedensmärsche, das alles, so Roberts, sei ein bedauernswerter „schwarzer Fleck“ in der Geschichte Amerikas. Er intrigiert hemmungslos, lügt, verschleiert seine eigenen, kriminellen Umtriebe und sät stattdessen Zweifel und Hass. Slums und Penner, das sei nicht seine Zielgruppe, sondern die, die den amerikanischen Traum ganz unverzagt als Mittel zur privaten Bereicherung begriffen. Seine Anhänger findet Roberts ebenda, in der ungebildeten, leicht beeinflussbaren Kaste mittelständischer Halbidioten und Xenophobiker, die ihm stramm auf dem Fuße folgen und sich sogar bereitwillig als Erfüllungsgehilfen funktionalisieren lassen. Das traurige Echo der Geschichte scheint nicht nur einmal hörbar. Dass Männer wie Bob Roberts nebst ihrer durchaus berechenbaren Erfolgsgeschichten kein Hirngespinst sind, sollte spätestens seit dem vorvergangenen Jahrhundert kein Geheimnis mehr sein. So ist „Bob Roberts“ beinahe weniger Politgroteske denn realistische Horrorvision, eine Art „The Dead Zone“, nur ohne das erlösende Attentat.
„Vote!“ hinterlässt der Abspann dieses meisterhaften Films als finalen, unzweideutigen Imparativ für sein Publikum. Dem ist nichts hinzuzufügen.

10/10

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