BENEDETTA

Zitat entfällt.

Benedetta ~ NL/BE/F 2021
Directed By: Paul Verhoeven

Pescia, ein Städtchen in der Toskana, im 17. Jahrhundert. Die seit Kindertagen im hiesigen Theatiner-Kloster beheimatete Nonne Benedetta (Virginie Efira) verliebt sich in die Novizin Bartolomea (Daphne Patakia), eine niederem Stand entstammende, ungebildete, aber emotional leidenschaftliche junge Frau, die ihre Aufnahme in den Orden lediglich einer abrupt abgerungenen Mitgift durch Benedettas wohlhabenden Vater (David Clavel) verdankt. Beinahe zeitgleich mit Bartolomeas Erscheinen beginnt Benedetta, Visionen von Jesus Christus (Jonathan Couzinié) zu empfangen, die sie scheinbar in zwischenzeitliche geistige Umnachtung versetzen, mit fremder Zunge sprechen und sogar die Stigmata aufweisen lassen. Das folgende, allseitige Aufsehen führt dazu, dass Benedetta kurzum zur neuen Äbtissin des Klosters ernannt wird und ihre immer akuter werdenden sexuellen Gelüste mit Bartolomea unbehelligt hinter verschlossenen Türen ausleben kann. Schwester Christina (Louise Chevillote) jedoch, die Tochter der vormaligen, langjährigen Äbtissin Felicita (Charlotte Rampling), bezichtigt Benedetta der Lüge und Hochstapelei, was schließlich in ihrem eigenen Freitod endet. Die rachsüchtige, in weltlichen Angelegenheiten keinesfalls unbedarfte Felicita wiederum zeigt Benedetta beim Nuntius (Lambert Wilson) in Florenz an, der diese wegen Ketzerei auf den Scheiterhaufen bringen will, während die Beulenpest wütet.

Ob er ein feministischer Filmemacher sei, wird Paul Verhoeven in einem auf der Blu-ray veröffentlichten Interview zur Entstehung von „Benedetta“ gefragt. Seine Antwort lautet, dass die weibliche Perspektive auf die Dinge des Lebens ihm schon immer deutlich nähergelegen habe als die maskuline und er daher, zumal in den jüngeren Jahren, stets Geschichten bevorzuge, die von und über Frauen erzählen. Ein langer Weg, seit „Basic Instinct“, der bereits in genau diese Sphären vordrang, jedoch allerorten für Aufschreie seitens der Frauenrechtsbewegung sorgte, führt zu dieser de facto keineswegs überraschenden Äußerung.
„Benedetta“ nun setzt sich mit gelassener Altersweisheit zwischen die Stühle. Als Vorträger eines Sujets, das Verhoevens Leitmotivik nicht nur stark entspricht, sondern dessen Inszenierung ihm im Nachhinein auch erwartungsgemäß eindeutig zuzuordnen ist, reißt der Film allerlei thematische Facetten an. So geht es primär um sexuellen Libertinismus innerhalb einer historischen Ära und eines sozialen Mikrokosmos, der genau diesen in all seiner machtvollen Verlogenheit vehement negiert und darum, welcher Mittel sich eine intelligente Zeitgenossin zu seiner trotzigen Durchsetzung bedient. Gewiss sind auch exploitative Elemente Verhoevens Mittel der Wahl – „seine“, respektive Benedettas Christus-Visionen strotzen förmlich vor lustvoll-campiger Visualisierung: weibliche Nacktheit, softe Lesbenerotik und Sequenzen, die in den Siebzigern bestimmt noch für das eine oder andere Skandälchen gut gewesen wären – darunter ein auditiv sattsam untermalter Latrinengang, ein paar Tropfen Muttermilch, die sich eine dralle, hochschwangere Konkubine des Nuntius gut gelaunt aus der Brust quetscht, eine zum halbseitigen Dildo umfunktionierte Marien-Statuette oder die unvermeidliche, hochnotpeinliche Befragung Bartolomeas unter Zuhilfenahme eines höchst unangenehm konstruierten „Spreizinstruments“. Das alles liest sich möglicherweise errötender als es letzten Endes seine Umsetzung findet – den Spaß, den Verhoeven bei der Mise-en-scène just solcher Augenblicke empfindet, ist seit „Turks Fruit“ ungebrochen. Gewiss liebäugelt der ewig augenzwinkernde, charmante Veteran auch mit dem filmgeschichtlichen Subkomplex „Nunsploitation“ per se, also vorgeblich seriöser Kleruskritik für langbemantelte Bali-Besucher; wobei er sich, was die intellektuelle Ebene seines Narrativs anbelangt, gewiss dichter an Ken Russells „The Devils“ bewegt als etwa an Paolella (nebenbei erinnerten mich sogar die set pieces stellenweise an Russell). So mag man Benedetta durchaus als mentale Anverwandte des idealistischen Vorkämpfers Urbain Grandier bezeichnen – neben ihrer aufrichtigen Liebe zum ursprünglichen, lebensbejahenden Fundament des Christentums ließen sich jedenfalls beide ihre Geilheit nicht nehmen.

8/10

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