ALIVE

„I’m proud to be a man on a day like this.“

Alive (Überleben!) ~ USA 1993
Directed By: Frank Marshall

Im Oktober 1972 stürzt ein kleines Flugzeug mit 43 Passagieren, darunter eine uruguayische Rugby-Mannschaft, und zwei Piloten an Bord wegen eines unvernünftigen Flugmanövers über den Anden ab. 27 Menschen überleben das Unglück, weitere drei sterben an ihren Verletzungen und nochmals acht kommen ums Leben, als eine Lawine das Wrack überrollt. Um dem drohenden Hungertod vorzubeugen ernähern sich die Überlebenden von den Leichnamen der Todesopfer. Die übrigen 16 können rund zwei Monate nach dem Crash gerettet werden, weil Nando (Ethan Hawke) und Canessa (Josh Hamilton) den beschwerlichen Weg über die Berge bis nach Chile meistern und Hilfe holen können.

Nach einer ersten, zeitnah entstandenen, jedoch weitflächig als Exploitation gewerteten Verfilmung über die als „Wunder in den Anden“ in die Geschichte eingegangenen Ereignisse aus dem Winter 72/73 durch René Cardona Jr., ruhte das Thema fast zwanzig Jahre und wurde dann von Spielberg-Kollaborateur Frank Marshall neu, betont gehoben und authentisch sowie wesentlich publikumskompatibler wiederbelebt. Mit frischen, eher unbekannten Darstellergesichtern aufwartend, versprach sich Marshall, der als technischen Berater den realen Beteiligten Nando Parrado (der ja im Film von Ethan Hawke gegeben wird) gewinnen konnte, offenbar ein besonderes Maß an Intensität und empathischer Projektionsfläche. Das gr0ße ethische und ästhetische Tabu des Kannibalismus müht sich Marshall so selbstverständlich und unspektakulär in die filmische Narration einzugliedern, wie es die Absturzopfer seinerzeit für sich dekodiert haben werden. Es war (und ist in entsprechenden Notlagen) eine relativ nüchterne Folgerung: Iss Menschenfleisch und bleib am Leben oder verzichte darauf und verhungere. Bildern der entsprechenden Handlungen oder des entsprechenden Objekts enthält sich Marshall weitgehend um auch ja keinen Zweifel daran zu lassen, dass es ihm nicht um Spekulation und Ausschlachtung geht, sondern um das Wunder des Überlebens unter widrigsten Bedingungen. Selbst vor theistischen Suggestionen macht John Patrick Shanleys ansonsten sehr flüssiges Script nicht Halt: Erst, als auch der eherne Agnostiker (Gian DiDonna) es im Angesicht der nahenden Lawine mit der Todesangst bekommt und zu beten anfängt, zeichnet sich eine Wende ab. Die Sonne steigt auf, die oberste Schneeschicht schmilzt, neuer Lebensmut und damit die Entscheidung, Hilfe zu mobilisieren, statt sich untätig dem Schicksal zu ergeben, reift. Zum Anspann ertönt Schuberts „Ave Maria“ mit Gesangsstimme von Aaron Neville. Ob dieser etwas aufdringlich exponiert christliche Spiritualismus den Film nachhaltig beschädigt, weiß ich nicht recht; seine Meriten, die ihn involvierend, tragisch und spannend machen, scheinen mir im Nachhinein kaum entkräftet. Ich persönlich bin zudem doch eher geneigt, an das bloße Wunder von der Willenskraft, ohne göttlichen Bonus zu glauben. Aber wer bin ich schon?

7/10

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