TUTTI I COLORI DEL BUIO

Zitat entfällt.

Tutti I Colori Del Buio (Die Farben der Nacht) ~ I/E 1972
Directed By: Sergio Martino

Nach einem von ihrem Galan Richard (George Hilton) verursachten Autounfall, in dessen Folge sie eine Fehlgeburt erleiden musste, kapselt die schüchterne Jane Harrison (Edwige Fenech) sich zunehmend von der Außenwelt ab. Seltsame Albträume, die sie das Schreckliche immer wieder durchleben lassen, machen ihr den Alltag nicht eben leichter. Also konsultiert den von ihrer Schwester Barbara (Susan Scott) empfohlenen Psychiater Dr. Burton (George Rigaud), der Jane zumindest schonmal versichern kann, dass sie nicht wahnsinnig ist. Dem widerspricht jedoch, dass sie sich von einem seltsamen Mann (Ivan Rassimov) verfolgt fühlt, der ihr überall hin nachzustellen scheint. Und dann ist da noch die neue Nachbarin Mary (Marina Malfatti), die Jane in Kontakt mit einer satanistischen Sekte und deren sinistrem Oberhaupt (Julián Ugarte) bringt, zu der überraschenderweise auch ihr permanenter Verfolger gehört und der sie mit Haut und Haar zu verfallen droht…

Ausgemachte Plotinteressenten dürften sich an Martinos schönem Giallo wohl eher die Zähnchen ausbeißen, aber es gehört ja eben zum innersten Wesen dieser feinen, italienischen Genrespielart, dass sie eher selten Interesse hat an stringent vorgetragenen Geschichten, sondern sich auf ihre spezielle, oftmals mit spekulativen bis pulpigen Elementen eine höchst spezielle Michform aus aufrichtiger Filmkunst, Kolportage und Exploitation betreibt. „Tutti I Colori Del Buio“ ist ein schönes Beispiel dafür aus der Hochzeit des Giallo: Bereits mit den ersten Minuten macht uns der Film mit dem Innenleben seiner fragilen Protagonistin vertraut, nebenbei einer archetypischen Figur der Gattung. Es geht im Folgenden um die Verschiebung von Realitätsebenen, die die arme Jane immer weiter in die psychische Fehlbalance treibt – was ist tatsächlich, was Einbildung und Traum? Sie verliert sukzessive das Vertrauen in die Verlässlichkeit ihrer Wahrnehmung und damit zwangsläufig in sich selbst; tatsächlich ein abtraumhafter Schwebezustand. Der Rezipient hat derweil allerlei damit zu tun, die wenigen ihm zur Verfügung stehenden Fakten zu ordnen und die üblichen Verdächtigungsmomente anzustellen, die sich, man mag es sich ohnehin denken, am Ende sowieso praktisch allesamt falsifizieren werden. Dabei ist Martino sogar fair genug, uns immerhin einen minimalen Rettungsanker im Wirbelsturm der irrealis feilzubieten, denn irgendwann zwischendurch erhält Jane einen Anruf von dem Notar Clay (Luciano Pigozzi), der sich mit ihr verabredet, was die Gute im Strudel all der vielen Zeitgenossen, die just etwas von ihr wollen, ganz flugs wieder vergisst (ebenso wie – wiederum ein cleverer Schachzug Martinos – bald auch der Zuschauer). An diesem Punkt hätte sich bereits das Meiste an kommender Dramatik rein theoretisch in Wohlegfallen auflösen können, aber wer würde das um den Preis solch packender Entwicklungen schon wollen? Weitere Höhepunkte neben der erlesenen Photographie vor Ort in England liefern Julián Ugarte als fieser Anton-LaVey-Verschnitt, der der zwischen angeekelter Widernis und lustvoller Hingabe oszillierenden Edwige andauernd blutige Zungenküsse drücken will, sowie Bruno Nicolais jazziger Score. Fein.

8/10

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