SPEED 2: CRUISE CONTROL

„Annie, come back! You’re my hostage!“

Speed 2: Cruise Control ~ USA 1997
Directed By: Jan de Bont

Nachdem die leidgeprüfte Annie Porter (Sandra Bullock) mal wieder mit Pauken und Trompeten durch die praktische Führerscheinprüfung rasselt, muss sie gleich auch noch auf die harte Tour erfahren, dass ihr neuer Freund Alex Shaw (Jason Patric) mitnichten bei der Küstenwache, sondern wiederum beim LAPD tätig ist. Die von Alex zu Versöhnungszwecken gebuchte Kreuzfahrt in die Karibik liefert dann allerdings keineswegs die Form von romantischer Entspannung, die das junge Paar sich wünscht: Der von seiner Firma geschasste, durchgedrehte Programmierer John Geiger (Willem Dafoe) kapert den Bordcomputer ebenjenes mondänen Passagierschiffs, auf dem sich neben Annie und Alex auch eine luxuriöse Juwelensammlung befindet. Zunächst läuft alles nach Geigers ausgeklügeltem Plan, der neben dem Raub der Klunker auch die spektakuläre Zerstörung des Kreuzers vorsieht, doch Alex macht ihm einen dicken Strich durch die Rechnung.

Drei Jahre nach dem auf Genreebene maßstabsetzenden „Speed“ machte sich der vormals lange Jahre als dp umtriebige Eindhovener Jan de Bont an das unausweichliche Sequel. Das immens teure Projekt lieferte bald Schlagzeilen als katastrophal misslungene Box-Office-Bombe und floppte big time in jeder nur denkbaren Hinsicht. Die zweite Hälfte der neunziger Jahre als orientierungslose Phase im Hollywood-Mainstream-Genrekino repräsentiert „Speed 2: Cruise Control“ indes geradezu exemplarisch. Nach der um die Mitte der Dekade rollenden Action-Offensive, die „Speed“ als mobile Umgestaltung des zuvor bereits mit McTiernans „Die Hard“ entwickelten und seither mehrfach variierten Sujets gewissermaßen erst losgetreten hatte, mangelte es den Studios nämlich an fruchtbaren Impulsen wie Ideen, um die Geld- und Mundpropagandaspeicher hinreichend befriedigend füllen zu können. Plötzlich waren es erklärte Stilisten und auteurs wie Tarantino, die Coens, David Fincher, britische oder skandinavische Filmemacher, die mit frischen Ansätzen junge Leute vor die Leinwände lockten. Die Studios flankierten im Gegenzug teilweise Pseudo-Indie-Sektionen namens Sony Pictures Classics und Fox Searchlight, die für einen ähnlichen „Spirit“ stehen sollten wie die just reüssierende Miramax der Weinsteins. Eine wirklich umwälzende oder gar historisch relevante Zäsur wie zu Zeiten New Hollywoods war das zwar nicht, aber es wurden hier und da doch mancherlei leere Managerdenkbläschen verursacht. Während James Cameron mit „Titanic“ bewies, dass alte Formeln und wirtschaftliches Risiko doch noch funktionierten, sich jedoch nicht zwangsläufig rechnerisch kalkulieren ließen, knallte es andernorts an allen Ecken und Enden. Großbudgetierte Projekte wie „Waterworld“, die beiden „Batman“-Filme von Joel Schumacher, Verhoevens „Showgirls“ et.al. verschlangen teils deutlich mehr Geriebenes als geplant und soffen dann reihenweise ab – wahlweise bei der Kritik, künstlerisch, kommerziell oder gleich als Rundumschlag. Zu verschroben, zu campy, zu queer oder schlicht zu bescheuert fürs ordinäre Massenpublikum fanden die meisten dieser Filme dann zumindest nach einigen Jahren ihre eingeschworene Liebhaberfraktion. So viel ich weiß, steht derlei für „Speed 2“ noch aus.
Dass de Bonts dritter Regiefilm perfekt zur Karambolage taugt, scheint derweil unübersehbar. Das Script des Films ist so albern wie dämlich, versäumt völlig, den innovativen, bereits im Titel vorgegebenen Impetus des Vorgängers aufzugreifen und musste daher zwangsläufig enttäuschen. „Speed 2“ orientiert sich sehr viel deutlicher an den wiederum stets vom Plattkitsch befütterten Katastrophenfilmen der siebziger Jahre als am zeitgenössischen Genrekino, er greift im Kern den Plot von Richard Lesters „Juggernaut“ auf und setzt dabei in vorderster Front auf Sandra Bullock als wie üblich extraquirlig kontextualisierte Stichwortlieferantin, einen offenbar um die Ziellosigkeit seines Engagements ahnenden und dementsprechend narkotisiert wirkenden Jason Patric als Reeves-Ersatz und natürlich Willem Dafoe, dessen Spielfreude ja eh gar nichts kaputtmachen kann und der auch hier als leuchtendes Fanal aus allem Übrigen hervorragt, als komplett solitär vorgehendem Klischeebösewicht. Zusätzliche Ingedienzien beinhalten noch Bo Svenson als leider sehr zeitig abtretenden Kapitän, ein taubstummes Mädchen (Christine Firkins), um die sich naturgemäß alle ganz besonders sorgen und eine absolut irrlichternde Zerstörungsorgie im Finale, die wohl 99 Prozent der veranschlagten 110-Mio-$-Kosten verschlungen haben dürften. Die Gags sind par tout nicht komisch, der Touristen-Reggae auf der Musikspur (inkl. Auftritt von UB 40 im Schiffsrestaurant) erweist sich als akustische Tortur und die Action-Choreographie gelinde gesagt als Katastrophe, besonders für jemanden vom Schlage de Bonts, der doch eigentlich genau wissen sollte, wie Kinetik auf der Leinwand geht. Dennoch mag man „Speed 2“ nicht wirklich böse sein, denn als megalomanisches Kuriosum und Zeitzeugnis müsste man ihn dann doch vermissen.

4/10

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