THE NIGHTINGALE

„Welcome to the world – full of misery from top to bottom.“

The Nightingale ~ AUS 2018
Directed By: Jennifer Kent

Van Diemen’s Land, 1825. Die irischstämmige Strafgefangene Clare (Aisling Franciosi) kann sich nur durch Frondienste für den britischen Offizier Hawkins (Sam Claflin) eine halbfreie Existenz mit Ehemann Aidan (Michael Sheasby) und ihrem kleinen Töchterchen sichern. Hawkins jedoch reagiert regelmäßig seinen beruflichen und persönlichen Frust an Clare ab, indem er sie unerbittlich ihre Machtlosigkeit spüren lässt und allenthalben vergewaltigt. Als Aidan davon Wind bekommt und sich zur Wehr setzt, töten Hawkins und seine Leute ihn und das Baby und lassen die abermals vergewaltigte Clare ohnmächtig zurück.
Am nächsten Tag entschließt sich die geschändete junge Frau zur Blutrache, engagiert den buschkundigen Aborigine Billy (Baykali Ganambarr) und verfolgt mit dessen Hilfe den mittlerweile in Richtung Norden abgereisten Hawkins und seine Männer.

In ihrem „Babadook“-Nachfolger „The Nightingale“ wendet sich die engagierte australische Regisseurin Jennifer Kent abermals einem Horrorszenario mit feministischem Überbau zu, wählt dafür diesmal jedoch ein historisches Zeitkolorit und ergänzt ihre ohnehin schon sehr zornige Agenda noch um herbe Kolonialismuskritik. Angesiedelt im Tasmanien des frühen 19. Jahrhunderts, das damals vornehmlich als britische Strafkolonie fungierte, wird das Schicksal einer jungen Frau nachgezeichnet, die sich infolge der ihr widerfahrenen misogynen Willkür zur Vigilantin und zum Outlaw entwickelt. Wie die meisten weiblichen Gefangenen in Van Diemen’s Land, wie Tasmanien während jener Ära noch hieß, muss Clare als weitgehend entrechtete Dienerin arbeiten, in ihrem persönlichen Fall für das besonders widerwärtige Musterexemplar eines ebenso inkompetenten wie sadistischen Militäremporkömmlings. Als irische Frau, die zudem mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, zählt ihre Stimme faktisch nichts; sie ist Pöbeleien und Sexismen durch die versoffenen Soldaten ausgesetzt, wobei der umso widerlichere Hawkins das sexuelle „Exklusiv-Gebrauchsrecht“ über sie verfügt. Als Clare den Missbrauch vor ihrem Mann nicht länger verbergen kann, kommt es zur Katastrophe mit sich anschließendem Rachefeldzug.
Doch auch auf die blindwütige und dabei dennoch stets mit ihrem Gewissen hadernde Clare wartet ein humanistischer Lernprozess – wie die allermeisten Weißen ist auch sie eherne Rassistin, die den Ureinwohner Billy zunächst völlig abschätzig behandelt. Erst nach und nach begreift sie, dass viele Aborigines ein Schicksal zu durchleiden haben, das mitunter mindestens ebenso schlimm ist wie ihr eigenes. Ihre Reise lässt sie zur Zeugin von Genozid und ethnischen Säuberungen werden; am Ende steht dann das niederschmetternde Verständnis für ein vom Kolonialismus in die Knie gezwungenes Volk.
„The Nightingale“, den Jennifer Kent – wie ihre Kollegin /und Gesinnungsgenossin Kelly Reichardt deren Meisterwerk „Meek’s Cutoff“ – in heutzutage unüblicher 1,33:1-Kadrage photographiert hat, ist zumindest oberflächlich betrachtet, von wesentlich klarerer Agenda als „The Babadook“, der ja mit der psychischen Wirrnis seiner Protagonistin spielt. Seine eindeutig linken Themen erweisen sich auch für das Publikum als nicht zu unterschätzende emotionale Belastungsprobe in einer Welt, die dem menschlichen Abgrund deutlich näher steht als jedweder Zukunftsperspektive. Dass ein Film wie dieser in aktuellen Zeiten entsteht und vermutlich auch entstehen muss, lässt somit auch über gegenwärtige globale Zustände meditieren und darüber, dass diese, mit all ihren Missständen, Autokraten und Zweiflern traurigerweise keineswegs von rosigerer Tünchung sind denn anno 1825.

8/10

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