BLOODLINE

„Please describe to me the feelings and sensations you experience.“

Bloodline ~ USA 2018
Directed By: Henry Jacobson

Evan Cole (Seann William Scott) ist seit Kurzem aufopferungsvoller Vater eines kleinen Sohnes und treusorgender Ehemann der sensiblen Lauren (Mariela Garriga). Seinen Lebensunterhalt verdient der stets emotionslos wirkende Evan als Sozialarbeiter in der High School. Leider kann er den von ihm betreuten Kids nicht ansatzweise die Hilfen zukommen lassen, die sie wirklich bräuchten – nur wenige offenbaren sich zur Gänze, wenn die auf eine Schulstunde begrenzte Sitzungszeit überhaupt dafür reicht.
Doch auch in Evan selbst schlummern unwägbare Untiefen. Sein gewalttätiger Vater (Matthew Bellows) hat ihn als Kind (Hudson West) geschlagen und wurde dann von Mutter Marie (Cassandra Ballard) ermordet. Auch heute noch ist Marie (Dale Dickey) praktisch omnipräsent und kümmert sich – vielleicht etwas zu intensiv – um ihren Enkel. Eines Tages reißt in Evans Innenleben die dünne Wand zwischen Akzeptanz und Aktionismus und er lässt all den brutalen Erwachsenen, die seine Schutzbefohlenen quälen, deren nach seinem Dafürhalten gerechte Strafe zukommen.

Und noch eine Blumhouse-Produktion, diesmal eine, die mit einiger Verspätung bei uns landete (da sie wohl den mit Universal üblichen, großen Distributor zu ermangeln hat). Tatsächlich handelt es sich bei „Bloodline“ um eine der besseren, mutigeren und beachtenswerteren Arbeiten der Blum-Schmiede, die mit einiger Großzügigkeit an dem, was das Massenpublikum augenscheinlich für akzeptabel halten dürfte, vorbeischippert.
Stattdessen schlägt Jacobsons Langfilmdebüt sehr viel wüster in die Kerbe „good old fashioned serial killer movie“, indem es bewusst Erinnerungen an die Klassiker des Subgenres weckt – sowohl in psychologischer wie in stilistisch-ästhetischer Hinsicht. Der (ödipal geprägte) Mutterkomplex fehlt da ebensowenig wie der frühzeitig entsorgte, gewalttätige Vater, dessen genetischer und habitueller Schatten unentwegt über dem Protagonisten schwebt. Jener sieht sich derweil den üblichen, gesellschaftlichen Hindernissen gegenüber; einem allzu neugierigen, leider viel zu gescheiten Polizeiermittler (Kevin Carroll), innermoralischem Dissens und schließlich der mangelnden Toleranz jener, denen er doch eigentlich helfen möchte, seinem blutigen Treiben gegenüber. Gewissermaßen neu ist die prägnante Konnexion mit dem Vigilanten-/Selbstjustizler-Film, denn Evan Jacobs tötet im Gegensatz zu vielen seiner filmischen Ahnen weder wahllos noch aus einem tiefenpsychologisch verankerten Reflex heraus. Seine Opfer snd wohlfeil ausgewählte Kinderschänder, Misshandler, Junkies, Nazis, Säufer, Sozialschmarotzer; aus Evans von seinem pathologischen Hang nach Verantwortungsbewusstsein und familiärer Harmonie heraus geprägter Agenda demnach Typen, die es nicht nur verdient haben, wegzukommen, sondern unweigerlich wegmüssen. Dass er selbst ein Produkt offener Gewalt ist, die er durchlebt, aber vor allem bezeugt hat, ist aus Evans Tunnelperspektive heraus unersichtlich für ihn, womit der Kreis sich zu Frauen-, Kinder-, Homosexuellenmördern am Ende doch wieder schließt.
Dass „Bloodline“ (ausgerechnet) Seann William Scott, der vor rund zwanzig Jahren das lustige Porno-Akronym „MILF“ kultivierte und kurz darauf das durch ebensolche praktizierte Prostatamelken salonfähig machte, in einer völlig untypischen Rolle featuret, tut beiden durchaus gut. Dass er zudem einerseits auch feine Ironie nicht ausspart und andererseits mit den üblichen, kleinen Dramaturgiezerrern arbeitet, die Evans Entdeckung infolge immer wieder auftretender faux-pas aufs Spiel stellen, darf man dem ansonsten gewiss gelungenen Erstlingswerk großmütig verzeihen.

7/10

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