SENNENTUNTSCHI

„Das isch der Dämon!“

Sennentuntschi ~ CH 2010
Directed By: Michael Steiner

In den Schweizer Alpen. Birgit (Birgit C. Krammer) und ihre kleine Tochter Bibi (Paula Marija) finden beim Pilzesammeln eine skelettierte Leiche. Den herbeigerufenen, skeptischen Polizisten berichtet Birgit dann von einer mysteriösen Kette von Ereignissen, die sich hier vor 35 Jahren abgespielt hat: Damals tauchte eine verwahrloste und stumme junge Frau (Roxane Mesquida) im naheliegenden Dorf auf, das der hiesige Pfarrer (Ueli Jäggi) sogleich in aller Öffentlichkeit für den just zuvor stattgefundenen Suizid seines Messners verantwortlich machte – das Mädchen wäre nämlich ein vom Teufel gesandter Dämon. Die abergläubische Dorfgemeinschaft stellt sich umgehend auf die Seite des Geistlichen, wobei einzig der Ortsgendarm Reusch (Nicholas Ofczarek) sich der verstörten Frau annimmt, ihre Herkunft zu recherchieren und sie zu beschützen versucht. Im angrenzenden Gebirge taucht derweil der junge Romand Martin (Carlos Leal) bei dem Ziegenhirten Erwin (Andrea Zogg) und seinem geistig behinderten Adlatus Albert (Joel Basman) auf, vorgeblich, um sich als Senn anlernen zu lassen. In Wahrheit hat Martin jedoch aus krankhafter Eifersucht heraus seine Freundin ermordet und befindet sich nun auf der Flucht. Im abendlichen Absinthrausch besinnt sich Erwin dann der alten Sage um das „Sennentuntschi“, derzufolge ein paar einsame Sennen eine Kunstfrau aus Lumpen hergestellt haben, in die dann unheiliges Leben fuhr. Später rächte sich das Sennentuntschi grausam für die an ihm begangene Unzucht. Nachdem Erwin das entsprechende „Ritual“ durchgeführt hat, taucht tatsächlich eine junge Frau in der Hütte auf – das stumme Mädchen aus dem Dorf…

Alpenhorrorgeschichten als finstere Variante des (klassischen) Heimatkinos bilden leider noch immer eine rare Ausnahmererscheinung im deutschsprachigen Filmgeschehen. Vornehmliche Exempel wären Georg Tresslers ebenfalls auf der Sennentuntschi-Sage basierender „Sukkubus“, dem wohl dem Vernehmen nach bald endlich eine adäquate Veröffentlichung zuteil wird, Ralf Huettners berückend schönen „Der Fluch“ sowie, aus der jüngeren Geschichte, Marvin Krens „Blutgletscher“ und natürlich Lukas Feigelfelds „Hagazussa“. Die unwegsame und somit gewissermaßen auch undurchdringliche Gebirgswelt beflügelt seit eh und je die Phantasie ihrer Einwohner, wobei insbesondere die oftmals wesentlichen Elemente der Abgeschiedenheit und Einsamkeit vortreffliche Motive für Mysterie, Spuk oder Wahnsinn liefern. Geheimnisse bleiben hier zumeist Geheimnisse, Tote verschwinden in tiefen Schluchten oder tiefem Eis und tauchen nie wieder auf, es sei denn, als rächende Geister. Die Mär vom Sennentuntschi markiert in diesem folkloristischen Nährboden eine besonders berühmte Sage in der Schweizer Alpenregion.
Der unter etlichen finanziellen Querelen entstandene, schlussendlich aber glücklicherweise doch noch realisierte „Sennentuntschi“ von Michael Steiner bietet nicht nur innerhalb des eingangs erwähnten, kleinen Filmzirkels einen unbedingt sehenswerten Beitrag, bei dessen Betrachtung man alledings die (ggf. untertitelte), orginiale schwyzerische Tonspur der hochdeutschen Nachsynchronsation den Vorzug geben sollte. Steiner erzählt seine inmitten der 1970er Jahre spielende Story als Rückblick mittels zwei parallel erzählter Handlungsstränge, die, wie sich später herausstellen wird, der eigentlichen Chronolgie der Ereignisse zuwider laufen und erst am Ende zusammengeführt werden. Die daraus zunächsten resultierenden, leichten Unsicherheiten im Zuge der Erstrezeption erfordern zunächst einiges an konzentrierter Deduktion, erweisen sich dann aber im weiteren Verlauf als absolut sinnfälliges narratives Mittel und nicht etwa als naseweiser Formaffekt. Auf diese Weise spitzen sich nämlich die beiden Ungeheuerlichkeiten, in deren jeweiligem Zentrum das arme, „titelgebende“ und von der eh stets formidablen Roxane Mesquida ganz wunderbar interpretierte Mädchen steht, gleichrangig zu und ergänzen sich im Verlauf der dann umso erschüttertender wirkenden Doppel-Conclusio. Tatsächlich bleibt dieses Geheimnis noch nicht einmal das einzige – der abgelegene Mikrokosmos von „Sennentuntschi“ steckt voller ungesühnter Schuld. Dass diesbezüglich und wie nebenbei noch abgergläubisches Hinterwäldlertum, kleinprovinzielle Unreflektiertheit und klerikale Bigotterie aufs Korn genommen werden, zeichnet Steiners absolut sehenswerten Film nur umso mehr aus.

8/10

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