THE FATHER

„Why are you speaking to me as if I’m retarded?“

The Father ~ UK/F 2020
Directed By: Florian Zeller

Anthony (Anthony Hopkins), ein alternder Londoner in seinen Achtzigern, verliert allmählich den Überblick. Dinge tauchen auf und verschwinden, Vergangenheit und Gegenwart spielen scheinbar verrückt und tauschen beständig den Platz, Ereignisse verlieren ihre kausalen Zusammenhänge, Personen wechseln ihre Namen und Gesichter. Anthony hat Demenz im fortgeschrittenen Stadium. Seine Tochter Anne (Anthony Hopkins), die sich lange Jahre und mithilfe stetig wechselnden, weil überforderten Pflegepersonals um ihn gekümmert hatte, ist längst am Ende ihrer Kräfte angelangt und nach Paris gezogen, um neu zu heiraten. Anthony, der von Anne nurmehr an Wochenenden besucht wird, lebt bereits seit einiger Zeit in einem Pflegeheim, doch diese Erkenntnis dringt nur manchmal bis zu ihm vor. Zumeist rekapituliert sein angegriffenes Gehirn längst vergangene (Schlüssel-)Ereignisse in ständig wechselnder Ausprägung und Konstellation. Eine sich rührend um ihn kümmerende Krankenschwester (Olivia Williams) ist seine wichtigste Bezugsperson.

Ein im Prinzip vielfach alltägliches Lebensereignis erzählt der Pariser Florian Zeller in der Eigenadaption seines neun Jahre alten, weltweit erfolgreich aufgeführten Theaterstücks, eines Bestandteils einer Familientrilogie, die zugleich sein Filmregiedebüt markiert, als ganz intimen Katastrophenfilm. Es handelt sich um die zweite Verfilmung des Stoffes nach Philippe Le Guays „Floride“ von 2015. „The Father“ bewegt und berührt vor allem deshalb, weil er das beinahe ausnahmslose Gros seiner Erzählzeit der verquer gewordenen Perzeption des demenzkranken Anthony widmet und lediglich in die Perspektive Annes oder der Pflegerin wechselt, wenn es gilt, dem Zuschauer die Unmissverständlichkeit der Konsequenzen von Anthonys Zustand zu verdeutlichen. Ansonsten lebt das Publikum mit ihm in seinem Kopf und findet sich der schmerzhaften Erkenntnis ausgeliefert, was es bedeutet, wenn Wahrnehmung und Erinnerung unzuverlässig werden und die dazugehörige Persönlichkeit im Stich lassen. Zellers Ansatz, ebendies mittels elliptischer Volten zu zeigen, darf man wohl als weitgehend geschickt bezeichnen: Infolge seiner anfänglich zutiefst verwirrend bis surreal anmutenden Inszenierung verändern tragende ProtagonistInnen Gesichter und Habitus, werden Zeit und Ort, also die üblicherweise tragenden diegetischen Säulen, zertrümmert und durcheinandergeworfen. In welcher Wohnung befinden wir uns? Was ist draußen vorm Fenster? Wo ist die Armbanduhr? Gab es das Hühnchen schon zum Abendessen? Wer ist der Mann auf der Couch? Warum ist er einmal freundlich und einmal garstig? Während Anthony sich mit der verzweifelten Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen beschäftigt, geschieht bereits wieder etwas ganz anderes. Biographische Zäsuren wie der Unfalltod der anderen Tochter Lucy (Evie Wray) ploppen nunmehr selten auf, hinterlassen im entsprechenden Falle aber doch immer wieder eine ganz frische Erschütterung. Der allmählich fortschreitende Verlust eines geliebten Menschen äquivaliert sich gewissermaßen mit dessen Selbstverlust, der wiederum auf den Verlust seiner Persönlichkeit rekurriert.
Die Crux des Films liegt, wohl der limitierten Erzählzeit und dem daraus resultierenden Zugeständnis an die Leidensgrenzen des Publikums geschuldet, darin, lediglich winzige Ausschnitte der aus Anthonys geistigem Abstieg resultierenden Erfahrungswelten zu zeigen (oder: zeigen zu können; möglicherweise zeigen zu wollen?). Über ihn als Menschen erfährt man lediglich das, was Zellers Script uns mittelbar gewährt respektive anvertraut, Facetten, die innerhalb der Lebensgeschichte eines Mannes in diesem Alter minimalstem Inhalt entspräche. Ich hätte gern noch mehr über Anthony erfahren, über sein Leben und was ihm vielleicht neben einer Callas-Arie noch wichtig war – und ist. Hopkins‘ wirklich brillantes Spiel hätte davon gewiss noch manches reflektieren können. So wie „The Father“ am Ende dasteht, ist er mir in seiner Gesamtheit ein wenig zu diagnostisch und klinisch geraten, ein bisschen vielleicht wie ein potenzieller Lehrfilm für angehende Geriatrie-Pflegekräfte. Natalia Erika James‘ für ihren famosen, aber ohne Stars und medialen Rummel auskommen müssenden „Relic“ gewählter Ansatz, das analoge Sujet als Genrespiel aufzuziehen, fand ich dann doch um einiges mutiger, origineller, gelungener und resümierend auch befriedigender.

7/10

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