BELOVED

„It ain’t evil. Just sad.“

Beloved (Menschenkind) ~ USA 1998
Directed By: Jonathan Demme

Viele Jahre nachdem es der hochschwangeren Sklavin Sethe (Oprah Winfrey) einst gelungen ist, von Kentucky nach Ohio zu fliehen und dort mit ihren bereits zuvor entkommenen Kindern im Hause ihrer Großmutter Baby Suggs (Beah Richards) sesshaft zu werden, steht plötzlich ihr früherer Schicksalsgefährte Paul D (Danny Glover) vor der Tür, der sich die ganze Zeit über als Tramp und Tagelöhner durchgeschlagen hat. Von Sethes einst vier Kindern ist nurmehr die Jüngste, Denver (Kimberly Elise), bei der Mutter. Ihr Haus scheint von einem Poltergeist heimgesucht zu werden. Paul bietet sich Sethe und Denver trotz anfänglicher Ängste wegen der übernatürlichen Vorgänge als Ersatzvater an und will für sie sorgen. Nach einigem Zögern akzeptiert Sethe sein Angebot. Kurz darauf erscheint eine junge, offenbar geistig verwirrte und amnesische Frau (Thandie Newton) auf Sethes Grundstück, die den Namen ‚Beloved‘ trägt. Sethe und Denver nehmen Beloved wie ein weiteres Familienmitglied auf, nur Paul D empfindet in ihrer Gegenwart Unbehagen. Nach einigen Wochen wird Beloved für Sethe mehr und mehr zur Belastung, doch sie kann und will das Mädchen aus einem sehr sensiblen Grund nicht fortschicken…

Oprah Winfrey hatte die Verfilmungsrechte an Toni Morrisons gefeiertem Roman bereits seit Jahren in ihrem Besitz, als „Beloved“, inszeniert zwar von Jonathan Demme, jedoch vornehmlich unter Winfreys Schirmherrschaft, entstand. Anders als ethnische Selbstfindungsdramen vom Schlage eines „The Colour Purple“ wählt „Beloved“ einen sehr viel metaphorischeren Ansatz für seinen Schicksalsbericht. Der Film (das Buch ist mir leider unbekannt) lässt sich auf multiple Weise betrachten: als die Geschichte einer Heimsuchung, einer Rache, oder auch als eine von Buße und Erlösung. Was dem Betrachter im Grunde bereits parallel zu Beloveds rätselhafter Einführung in die Ereignisse schwant, erweist sich bald als dräuende Gewissheit: Sie ist niemand Geringere als die ältere Manifestation von Sethes vor rund 18 Jahren von ihr eigenhändig getötetem Baby. Als ihr vormaliger Besitzer (Jude Ciccolella), von dem Sethe stets nur als „Schoolteacher“ berichtet, plötzlich in Ohio auftauchte, sah sich die verzweifelte Mutter dereinst gezwungen, ihren Kindern das Leben zu nehmen, bevor sie wieder in die Hände des grausamen Weißen gelangten. Sie schnitt dem älteren Mädchen die Kehle durch und versuchte, den beiden Jungen (die die mütterliche Attacke schwer verletzt überleben sollten), die Schädel zu zertrümmern. Einzig die kleine Denver blieb körperlich unversehrt und bei der Mutter, während die Jungen ihr weggenommen wurden und seither nichts mehr von ihr wissen wollen. In der seltsamen Beloved, die aus dem Jenseits (einem zwischenbereichlichen offenbar, in dem es finster und heiß ist und sich die Geister drängeln) zurückkehrt, symbolisiert sich zugleich der Wunsch Sethes zu sühnen für ihre einstige Bluttat. Und sühnen wird sie: Nachdem Beloved ihre tatsächliche Identität kundgetan hat, nimmt sie Sethe nach und nach alles, was sie noch besitzt, einschließlich ihres Verstandes.
Via diesen oftmals mysteriösen, schwer verdaulichen Hergang der Geschehnisse wählt „Beloved“ einen ungewohnten Perspektive auf die Schrecken der Sklaverei. Über Generationen hinweg bleiben deren Folgen für die Leiber und Seelen ihrer Opfer akut; sie taugen dazu, deren schlimmste Abgründe als Verzweiflungstaten lichtbar zu machen und sie auch Jahre später noch zu zertrümmern. Sethe glaubt längst, durch ihre entbehrungsreiche Flucht über den Fluss die Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben und in der Lage zu sein, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch dem ist mitnichten so. Ihr erzwungener Blutakt hängt ihr in mehrerlei Form nach; sei es als Geist, der ihr Haus bewohnt, als Schuldkomplex, in den Augen ihrer einsamen Tochter Denver oder in allem was da noch kommen mag. Sethe ist nicht frei, auch Jahre später nicht. Ihre Freiheit ist nur eine vergängliche Illusion.

9/10

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