GOODBYE, MR. CHIPS

„I’m not going to retire, you can do what you like about it.“

Goodbye, Mr. Chips (Auf Wiedersehen, Mr. Chips) ~ UK 1939
Directed By: Sam Wood

Mr. Charles Edward Chipping (Robert Donat), ehemaliger Latein- und Geschichtsehrer, Hausvater und Direktor, zählt mit 83 Jahren zum Humaninventar des altehrwürdigen Jungeninternats Brookfield. Generation von jungen Menschen hat er in über sechzig Jahren Schuldienst unterrichtet, erzogen, motiviert und betreut. Doch was zeichnet den Menschen Chipping eigentlich aus?
Mit knapp 20 Jahren fängt er in Brookfield an und hat es wie jeder beginnende Lehrer schwer, sich den Respekt und das Vertrauen der nicht wesentlich jüngeren Eleven zu erobern. Trotz mancher Krisensituation „überlebt“ er und wird zu einem stillen, aber geachteten Kollegen, der bei Beförderungen nur allzu gern übergangen wird. Auf einer Österreichreise, zu der ihn der deutschstämmige Kollege Max Staefel (Paul Henreid) mehr oder weniger nötigt, lernt Chipping dann seine Zukünftige Katherine Ellis (Greer Garson) kennen, die ihm erst seine wahre Standfestigkeit und eine elementare Portion Selbstvertrauen verschafft. Doch schon im Kindbett stirbt die arme Katherine mitsamt dem Baby. Chips, wie ihn seine kurzzeitige Gattin liebevoll zu nennen pflegte und wie sein Name prompt in den Schülerjargon eingeht, wird nie wieder einer Frau lieben. Der erste Weltkrieg dezimiert gleichermaßen Lehrer- und Schülerschaft, doch Chips hält als eilends eingesetzter „Ersatzdirektor“ Brooksfield aufrecht. Sein Heim bleibt auch nach der Pensionierung stets die Schule. Auf einen Kommentar des neuen Rektors an seinem Sterbebett, demzufolge Chips bedauerlicherweise nie Kinder gehabt hätte, entgegnet dieser mit gebrochener Stimme: „Sie irren sich. Ich hatte Tausende – und alles Jungs!“

Blendend schönes Biopic von Sam Wood, einem biestigen alten, unsympathischen Hollywood Professional von ganz rechts außen, der sehr viel feinere Filme zu machen pflegte als er selbst charakterliche Qualitäten besaß und dem man Humanistisches wie „Goodbye, Mr. Chips“ kaum zutrauen sollte.
Die fiktive Persona des Charles Edward Chipping schließt einen bewegten historischen Bogen: Er beginnt sein Lehramt in Brookfield vor dem geschichtlichen Hintergrund des Deutsch-Französischen Krieges, „erlebt“ aus der Ferne den Zweiten Burenkrieg und auch den Ersten Weltkrieg. 1933, nachdem er ganze 63 Jahre mit Brookfield verbandelt ist, strirbt Chipping, während Hitler sich in Deutschland zum Diktator aufschwingt. Drei Monarchen begleiten Chippings Lebens- und Berufsweg ebenso wie diverse politische Strömungen, Spannungen und Entspannungen. Und Chips? Der tut stoisch und goldenen Herzens seine Arbeit. Denn jene liebt er wie nichts Anderes auf der Welt, dafür ist er hier und einer der besten zurzeit. Generationen von Schülern lernen unter ihm, Fakten und Lebenslektionen; manch einem kann er später Anekdoten von dessen Großvater im Lausejungenalter erzählen. Sein Status ähnelt schließlich dem eines lebenden Denkmals, einer Legende. Mit zerzaustem, weißen Haar, Nickelbrille, löchrigem Talar und ungleichmäßig rasiertem Schnauzbart ist er manch jungem Schulleiter, der die Institution bereits als Wirtschaftsunternehmen begreift, ein Dorn im Auge, doch die Jungen wissen tief im Herzen, was sie an ihm haben. Alle Jahreszeiten eines Lebens durchwächst Chips und zerbricht trotz schlimmster persönlicher Tragödien nicht an ihnen. Fast jeder Mensch, der ihm etwas bedeutet, muss vor ihm gehen wegen Krankheit oder Krieg und er wirkt derweil wie eine Art Statthalter der Menschlichkeit.
„Goodbye, Mr. Chips“, im Kino-Superjahr 1939 uraufgeführt, ist zeitlos, auch wenn sein Ambiente hier und da leicht muffig erscheint. Er sollte eigentlich jedem angehenden Kollegen, egal welcher Schulform er sich zuwendet, spätestens zum Ende des Vorbereitungsdienstes vorgeführt werden, denn selten wurden Essenz, Liebenswürdigkeit und die gewaltige Entlohnung unseres schönen Berufs in 114 kurzen Kinominuten so pointiert zusammengefasst.

9/10

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