LA CAMPANA DEL INFIERNO

Zitat entfällt.

La Campana Del Infierno (Ein Toter lacht als Letzter) ~ E/F 1973
Directed By: Claudio Guerín

Nach einigen Jahren Aufenthalt wird Juan (Renaud Verley) probeweise aus der geschlossenen Psychiatrie entlassen, in die er einst durch den Einfluss seiner herrischen Tante Marta (Viveca Lindfors) eingewiesen wurde, da sie ihn bezichtigte, seine älteste Cousine (Nuria Gimeno) vergewaltigt zu haben. Tatsächlich jedoch ist Juan lediglich zum Opfer der verschwörerischen Umtriebe Martas geworden, die ihren unbequemen Neffen entmündigen lassen und so um sein Erbe bringen will. Nun, da er wieder frei ist, hegt Juan perfide Rachegedanken gegen seine Tante und seine drei Cousinen (Gimeno, Maribel Martín, Christina von Blanc) die sich allerdings nicht allein auf die Frauen beschränken, sondern zudem gegen die unsägliche Bigotterie, die eine ganze Kleinstadt im Griff hält…

Ein finsteres, kleines Kunstwerk, das sich durch die aktuelle DVD-Veröffentlichung hoffentlich wieder etwas mehr in den Fokus der cineastischen Aufmerksamkeit rückt. Ähnlich wie in Eastwoods zeitnah entstandenem „High Plains Drifter“  konzentriert sich Gueríns Film auf einen Mann, dem sein gesamter Mikrokosmos übel mitspielt, weil er dessen ungeschriebene Gesetzmäßigkeiten ignoriert. Juan passt als junger Libertin nicht in die unsichtbare, puritanische Umzäunung jener galicischen Kleinstadt, in der der sonntägliche Kirchgang mitsamt entsprechender Gottesfürchtigkeit zwar zum guten Ton gehört, bewohnt jedoch von Amts- und Würdenträgern, die sich nicht scheuen, sich spaßeshalber an wehrlosen, minderjährigen Mädchen zu vergreifen und abzureagieren. Ein paar unschuldige Liebesspiele mit den Cousinen liefern der Matriarchin Marta, von grande dame Viveca Lindfors als böse hag interpretiert, schließlich das letzte Alibi, ihren unbequemen Neffen und Erbgegner auf „saubere Art“ aus der hochfeinen Gesellschaft zu extrahieren; die notwendigen Autoritäten und Bürokraten spielen ihr dabei natürlich in die Karten. Doch nunmehr kann man Juan nicht länger grundlos festhalten und der zu Beginn noch als angsteinflößend und zum Irrsinn neigend eingeführte junge Mann entpuppt sich bald als ein von gerechtfertigter Racheagenda motiviertes, zornerfülltes Individuum. Trotz eines zunächst zu schlimmsten Befürchtungen Anlass gebenden Berufsengagements in einem Schlachthof, das Juan mit den Worten beendet, er habe „nun genug gelernt“, entpuppt er sich am Ende doch als zu nachgiebig, sein blutiges Vorhaben konsequent zu Ende zu führen. Doch selbst seine familiär erteilte  Lektion in Verwarnung und Androhung verhallt und ruft nurmehr Schlimmeres hervor: Juan selbst wird zum Opfer seiner wachsenden Gegnerschaft, die ihn dem Scharfgericht göttlicher Justiz überantwortet. Doch auch dies verhallt nicht ungesühnt, siehe den vielsagenden deutschen Titel.
Guerín, der in unmittelbarem Anschluss an den Filmdreh den Freitod suchte, fand für sein düsteres Drama die passende visuelle Kommunikation – die nordwestspanische Atlantikküste hängt unter dichten Nebelschwaden und schroffer Gräue; die Bilder des Schlachthofs, in dem Hauptdartsteller Verley sich zumindest augenscheinlich nicht entblödete, höchstpersönlich Hand anzulegen, sind im Zuge ihrer naturalistischen Zusammenstellung kaum zu ertragen. Ansonsten und trotz seiner suggestiven Atmosphäre bleibt „La Campana Del Infierno“ jedoch unerwartet unblutig und feinjustiert, tatsächlich wird es am Ende lediglich zwei Tote gegeben haben. Was sich zunächst anlässt wie ein den großen Kino-Psychopathenporträts zugehöriges Mörderwerk, entpuppt sich mithin als deftig-anarchisches, sozialkritisches und prononciert spießertumfeindliches Drama samt trefflich schwarzhumoriger Glasur.

9/10

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