APT PUPIL

„Oh, my dear boy, don’t you see? We’re fucking each other.“

Apt Pupil (Der Musterschüler) ~ USA/CAN/F 1998
Directed By: Bryan Singer

Kalifornien, 1984. Der mit hervorragenden Noten gesegnete Kleinstadt-Schüler Todd Bowden (Brad Renfro) ist fasziniert vom Holocaust, mit dem er sich auch in seiner Privatzeit ausgiebig beschäftigt. Eines Abends sieht er bei einer Busfahrt einen alten Herrn (Ian McKellen), in dem Todd den Nazi-Verbrecher Kurt Dussander zu entdecken glaubt. Seine eingehenden Recherchen beweisen Todd schließlich, dass er mit seiner Vermutung Recht hat. Er konfrontiert den einsam als „Arthur Denker“ lebenden Senioren mit der Wahrheit und erpresst ihn: Dussander soll Todd ausnahmslos alles über seine aktive Zeit als SS-Scherge und KZ-Kommandant berichten, jedes noch so unappetitliche Detail inbegriffen. Während sich in den folgenden Wochen Todds Obsession immer weiter intensiviert, hinterlassen Dussanders Schilderungen tiefe psychische Wunden bei ihm; seine schulischen Leistungen verschlechtern sich dramatisch und vormals unterdrückte, aggressive Wesenszüge brechen sich Bahn. Doch auch in Dussander keimt noch immer der Samen des Bösen. Als der Alte den aufrdinglichen Penner Archie (Elias Koteas), der ihn zu erpressen versucht, unter Todds aktiver Mithilfe ermordet, kulminiert die brisante Situation.

Die nach mehreren erfolglosen Ansätzen 1998 schließlich doch noch erfolgte Adaption der bereits 1982 in Stephen Kings Anthologie „Different Seasons“ veröffentlichten Geschichte „Apt Pupil“ weist interessante Analogien zum jüngst gesehenen „Hearts In Atlantis“ auf, was auch der vordringliche Grund für mich war, ihn einer Revision zu unterziehen. Beiden Storys zugrunde liegt die Prämisse, einen orientierungsbedürftigen Halbwüchsigen in eine intensive Beziehung zu einem mysteriösen Senioren zu setzen, dessen geheimnisvolle Innenwelten den jungen Mann auf die eine oder andere Weise nachhaltig prägen. In beiden Fällen wird jenes etwas bizarre Verhältnis von besorgten Eltern(-Teilen) misstrauisch beäugt, wobei der weitere Verlauf dieses untergeordneten Erzählstranges in „Apt Pupil“ relativ rasch entkräftet wird – fußt die „Freundschaft“ von Herrn und Meister hier doch ohnehin ausschließlich auf wechselseitiger Boshaftigkeit, Erpressung, psychischer Gewaltausübung und Angst. Dennoch vermag auch Kurt Dussander, seinen titelgebenden „Schüler“ zwischenzeitlich wieder auf geradere Bahnen zurückzuführen, wobei das von vornherein auf Lügen aufgebaute Beziehungskonstrukt sich für Todd am Ende als umso fataler erweist. Im Nachhinein erhält „Apt Pupil“ ferner eine zusätzlich bittere Note: Der mehrfach wegen sexueller Missbrauchsdelikte (ein Fall davon geht direkt auf die Dreharbeiten einer Duschszene zu „Apt Pupil“ zurück) angeklagte Singer verhandelt hier mehr oder minder offenkundig sein ambivalentes Verhältnis zur eigenen, möglicherweise aus Karrieregründen verhaltenen Homosexualität, was diesen, seinen zweiten Film, möglicherweise zugleich zu seinem persönlichsten macht: Als Todd einer ihn zu verführen versuchenden Mitschülerin (Heather McComb) mit mehr oder weniger achselzuckendem Desinteresse begegnet, konfrontiert sie ihn mit der ihn überraschenden Vermutung, dass er möglicherweise ja schwul sei; später schürt die Annahme des von Dussander mit nach Hause genommenen, obdachlosen Archie, dass er ihm sexuell gefällig sein solle und das für ihn auch nichts Neues darstelle, offensichtlich noch die Mordlust des Alten, der seinem Opfer unmittelbar daraufhin ein Messer in den Rücken rammt. Dass die Rolle des Altnazis mit dem phantastischen Schauspieler und ehernen Schwulenaktivisten McKellen besetzt wurde (der ja später noch für Singer den Erik „Magneto“ Lehnsherr spielen sollte), scheint in diesem Zusammhang nur konsequent. Ich würde sogar soweit gehen, die von einer so subtilen wie prägnanten sadomasochistischen Ebene (die besonders deutlich wird in einer einprägsamen Szene, in der Todd Dussander nötigt, in einer SS-Uniform für ihn zu marschieren und zu salutieren) geprägte, pathologische Symbiose der beiden Protagonisten auch als kleine Hommage an die entsprechende, psychologisch abründige Konstellation in Liliana Cavanis meisterlichen „The Night Porter“ zu erachten, natürlich so weit zurückgestutzt, wie es sich für eine Hollywood-Mainstream-Produktion geziemt.
Wie dem auch sei, bei „Apt Pupil“ handelt es sich trotz diverser Abweichungen zur Vorlage abermals um eine sehenswerte King-Verfilmung, zumal sie sich in die Phalanx jener darunter einreiht, die auf mehr oder minder nachdrückliche Weise auch die Obsessionen ihre Regisseure reflektieren.

7/10

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